Vernetzung vor Ort – Essen macht’s vor!

Digitale Vernetzung – Networking, "soziale" Netzwerke, was bedeutet das heute? Und was hat es mit "sozial" zu tun? Meist weniger als das Wort verspricht.

Dass Vernetzung auch anders geht und in höchstem Maße sozial sein kann, wollen wir anhand einiger Beispiele zeigen. Wir beginnen diese Reihe mit der kleinsten Einheit, der lokalen Vernetzung, und haben uns dazu Essen ausgesucht. Eine Stadt mit knapp 590.000 gemeldeten Einwohnern, mehr als die Hälfte davon weiblich. Einige von ihnen mit einer HIV-Diagnose. Die erhalten sie oft erst im Rahmen einer Schwangerschaft, meist im Krankenhaus. Das Uniklinikum Essen ist darauf vorbereitet. Die AIDS-Hilfe Essen auch. Beide arbeiten zusammen. Zum einen sind Mitarbeiterinnen der Aidshilfe regelmäßig im Klinikum präsent. Sie sitzen zu bestimmten Zeiten im Wartezimmer der Aufnahme und sprechen dort Patientinnen an oder besuchen die Frauen direkt auf der Station. Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Klinikums verweisen Frauen mit HIV an die Aidshilfe wenn sie merken, dass Beratungsbedarf besteht. Es ist oft nicht einfach, diese Frauen zu erreichen und manchmal dauert es lange, bis eine der angesprochenen Frauen tatsächlich zur Aidshilfe geht. Gerade bei einer Erstdiagnose besteht einerseits der größte Beratungs- und Hilfebedarf, andererseits ziehen sich manche aber auch erst einmal verschreckt zurück um sich zu sammeln, bevor sie sich überhaupt Gedanken über ihre nahe und ferne Zukunft machen und Unterstützung annehmen können. 

In der XXelle Frauenselbsthilfegruppe der AIDS-Hilfe Essen haben Frauen mit HIV Gelegenheit, andere Frauen mit ähnlicher Krankheitsgeschichte kennenzulernen, sich auszutauschen, Fragen zu stellen und einen Umgang mit sich, der Krankheit und der Gesellschaft zu finden. Die Selbsthilfegruppe gibt ihnen Rückhalt und die Gewissheit, dass sie nicht alleine sind mit der Infektion. Im vergangenen Jahr wurden beispielsweise zwei Workshops zu den Themen "Älter werden mit HIV/ Aids" und "Balance für Körper und Seele" angeboten, die auf gute Resonanz gestoßen sind. 

Auch Elke, 50, ist in der Selbsthilfegruppe aktiv und stets von neuem begeistert davon, was die Gruppentreffen bei den Frauen bewirken. Elke hat ihre Diagnose 2014 erhalten, in einem recht späten Stadium. Durch eine vorherige Krebserkrankung hatte sie schon Erfahrung sammeln können mit Selbsthilfe und empfindet diese als ein sehr wichtiges Standbein des Gesundheitssystems. Der Gewinn liegt für sie auf der Hand: Jemand, der die gleiche Erkrankung hat, versteht einen besser, manchmal sogar ohne Worte. 

Da das Thema HIV jedoch auch Tabus berührt, hat Elke die Erfahrung gemacht, dass manche Frauen zuerst lieber überregionale Angebote annehmen, so dass sie nicht der Gefahr ausgesetzt sind, in ihrem direkten Umfeld gesehen zu werden und unfreiwillig als positiv geoutet zu werden. Das macht es manchmal auf lokaler Ebene schwer, genug Frauen für eine Selbsthilfegruppe an einen Tisch zu bringen, zumal sie oft aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen und Lebensepisoden mit entsprechend unterschiedlichen Interessen kommen. Viele der Frauen haben Kinder und Familie, arbeiten oder machen Ausbildungen zur Qualifizierung. Auch dabei werden sie im Rahmen der Einzelberatung unterstützt, ebenso wie in der Begleitung bei der Berufsfindung. Die mittlerweile fast normale Lebenserwartung mit HIV bringt glücklicherweise auch eine vergleichbar große Menge an beruflichen wie privaten Selbstverwirklichungsmöglichkeiten mit sich. Das kann sehr bereichernd für eine Gruppe sein und den eigenen Horizont öffnen!

Das Essener Gesundheitsamt arbeitet eng mit der AIDS-Hilfe Essen zusammen. Auch hier werden die Frauen auf das Angebot der Aidshilfe aufmerksam gemacht. Das in langjähriger guter Kooperation mit dem Amt stattfindende "Test mich" Angebot am 3. Mittwoch im Monat (17.30 Uhr bis 19.30 Uhr) in der AIDS-Hilfe Essen ist auch für Frauen und Paare offen.

Themen wie Kinderwunschberatung und Genitalbeschneidung oder -rekonstruktion sind weitere Frauenthemen, die mit der Arbeit der Aidshilfe eng verzahnt sind. Aber auch Fragen der sexuellen Identität werden hier ebenso besprochen wie etwa Gewalt in Beziehungen. In Kooperation mit der Frauenberatung von Frauen helfen Frauen oder deren Frauenhaus versuchen die Mitarbeiterinnen der AIDS-Hilfe Essen mit den Frauen Wege zu finden und sie bei ihren ersten Schritten zu begleiten.

Auch innerhalb der Schwangerschaftsberatung sind die einzelnen Akteure in Essen sehr gut vernetzt. Sowohl das Beratungszentrum für Familienplanung, Schwangerschaftskonflikte und Fragen der Sexualität, Lore-Agnes-Haus Essen der Arbeiterwohlfahrt Bezirksverband Niederrhein, als auch die Evangelische Beratungsstelle für Schwangerschaft, Familie und Sexualität, die Schwangerschaftsberatung Donum Vitae oder die Schwangerschaftsberatung des SKF sind Teile des Essener Beratungsangebotes und des Netzwerks. Einige der genannten Institutionen waren früher im Bereich HIV stärker vertreten und haben in den letzten Jahren ihre Schwerpunkte aufgrund personeller und förderwirksamer Vorgaben verlagert. Umso mehr Bedeutung kommt der Vernetzung zu, denn mit ihrer Hilfe können Kompetenz und Ressourcen sinnvoll eingesetzt und gebündelt werden, so dass möglichst viele der unterschiedlichen Bedürfnisse der Frauen erfüllt werden können. 

Das Mädchen- und Frauenzentrum Courage sowie das Frauen Forum Essen sind ebenfalls Teil dieser Vernetzung vor Ort. Hier kam und kommt es zu Kooperationen bei Veranstaltungen wie z. B. dem Internationalen Frauentag. Auch die Gleichstellungsstelle der Stadt Essen zählt zu den Vernetzungspartnern.

Bei interkulturellen Veranstaltungen wie dem Internationalen Fest am 1. Mai, Zeche Carl und dem Arche Noah Stadtfest im September sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AIDS-Hilfe Essen präsent und knüpfen Kontakte zu Frauen mit Migrationshintergrund, die hier meist aus dem afrikanischen Raum stammen. Sie versuchen auf diese Weise, Hemmschwellen und Berührungsängste erst gar nicht entstehen zu lassen und den Kontakt auch über die erste Begegnung hinaus zu festigen. So entsteht Vernetzung. 

Im Umfeld der Flüchtlingsbewegung findet in der zentralen Aufnahmestelle in Essen-Fischlaken regelmäßig ein Frauencafé statt. Hier gibt es Gelegenheit zur Beratung, sei es zum Zugang zu medizinischer Versorgung und anderen Fragen weiblicher Gesundheit oder zu sozialen Themen wie der Anmeldung des eigenen Kindes oder der Wohnungs- und Jobsuche.

Das alles macht sehr deutlich, dass Frauen mit HIV in Essen und Umgebung auf zahlreichen Wegen aufgefangen werden können. Sie werden beraten und begleitet bis hin zum betreuten Wohnen, wenn die eigene Kraft mal nicht ausreicht. Es gibt vielfältige Angebote, um den Selbsthilfegedanken zu fördern und den Verarbeitungsprozess ohne Stigma und Ängste gelingen zu lassen. Dank der regional hervorragenden Vernetzung!

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