Wird mein Kind gesund sein?

Viele Menschen mit HIV wünschen sich Kinder.  Dieser Wunsch muss nicht unerfüllt bleiben: Zeugung, Schwangerschaft und Geburt sind trotz der HIV-Infektion möglich. Eine Infektionsgefahr für den HIV-negativen Partner beziehungsweise die Partnerin kann dabei durch HIV-Medikamente und andere Methoden nahezu ausgeschlossen werden. Auch für das Kind besteht heute fast keine Infektionsgefahr, wenn entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden.

Eine Zeugung durch Geschlechtsverkehr ist unter bestimmten Bedingungen auch für Menschen mit HIV möglich. Zu diesen Bedingungen gehört vor allem eine gut funktionierende HIV-Therapie. Die Zeugung sollte ausschließlich nach eingehender Beratung in der HIV-Schwerpunktpraxis erfolgen. Nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen geht der HIV-negative Partner beziehungsweise die HIV-negative Partnerin so gut wie kein Risiko ein.

Wenn eine natürliche Zeugung nicht in Frage kommt oder gewünscht ist, gibt es noch zwei weitere Möglichkeiten: Wenn die Frau HIV-positiv ist, kann die Zeugung durch künstliche Befruchtung mit dem Sperma des Mannes erfolgen. Ist der Mann HIV-positiv, wird sein Sperma "gewaschen". Das bedeutet: HIV wird im Labor aus dem Sperma entfernt. Danach wird dann eine künstliche Befruchtung durchgeführt. Ausführliche Informationen zu diesem Thema gibt das Robert-Koch-Institut in seinen Leitlinien zur "Diagnostik und Behandlung HIV-betroffener Paare mit Kinderwunsch".

Die Übertragung von HIV von der HIV-positiven Mutter auf das Kind kann heute durch verschiedene Maßnahmen in fast allen Fällen verhindert werden. Folgende Maßnahmen sind notwendig:

  • regelmäßige Einnahme von HIV-Medikamenten während der Schwangerschaft
  • regelmäßige Untersuchungen beim Frauenarzt und in der HIV-Schwerpunktpraxis oder HIV-Ambulanz
  • bei der Geburt sollte ein Ärzte-Team bereitstehen, das sich mit HIV auskennt
  • Verzicht aufs Stillen
  • vorbeugende Behandlung des Kindes mit HIV-Medikamenten für vier Wochen

Die Entbindung findet heute in den meisten Kliniken per Kaiserschnitt statt. In einigen spezialisierten Kliniken gibt es aber auch die Möglichkeit der vaginalen Entbindung. Damit ist kein höheres Risiko für das Kind verbunden, wenn die oben genannten Bedingungen eingehalten werden.

Weitere Informationen zum Theme HIV und Schwangerschaft finden Sie unter aidshilfe.de.

"Ja zum Kind"

Rosi ist HIV-positiv und seit wenigen Jahren Mutter. Ihre Augen leuchten, wenn sie von ihrem kleinen Jungen schwärmt. Es war ein steiniger Weg bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie ihr Kind erstmals in den Armen halten konnte. Damals war sie bereits 39 Jahre alt und HIV-positiv. Sie selbst hatte mit den Jahren für sich einen Weg gefunden, mit dem Virus zu leben. Aber was, wenn sie das Kind anstecken würde? Damals, 2009, gab es noch deutlich mehr Ängste und Unsicherheiten. Um sicher zu gehen, zog man daher in der Regel die Geburt per Kaiserschnitt der natürlichen Geburt vor. Auch wurde vor einem Risiko der Infektion durch die Muttermilch gewarnt, so dass viele Frauen vom Stillen ihres Kindes Abstand nahmen.

Für eine brasilianische Frau scheint beides schier undenkbar. Der Weg durch den Geburtskanal ist wichtig für das Kind, das Stillen ist die natürlichste Ernährungsmethode und stellt noch dazu eine ganz besondere Verbindung zwischen Mutter und Kind her. Was ist das für eine Mutter, die ihr Kind nicht stillt?

Auf der anderen Seite tickte ihre biologische Uhr. Sie wurde nicht jünger. Und auch wenn sie es nicht wollte, ihre Erziehung und kulturelle Prägung konnte sie auch nach zahlreichen Jahren in Deutschland nicht ohne weiteres abschütteln. Die Familie bedeutet viel in ihrer Kultur, wenn nicht sogar alles. Sie ist der soziale Unterstützungskreis, sie allein sichert die Zukunft. Je mehr Kinder, desto besser. Und, auch dies ist nicht unerheblich, eigene Kinder empfinden viele Frauen aus dem südamerikanischen und afrikanischen Raum vielfach als Bestätigung ihres Frau-Seins. In der Community brachte man ihr ob ihrer Kinderlosigkeit daher auch einiges Unverständnis entgegen. Rosi teilte diese Gefühle nicht unumwunden, hatte jedoch durchaus damit zu kämpfen.

Aber sie machte auch andere Erfahrungen. So war es ihre Gynäkologin, die sie zu einer Schwangerschaft ermutigte. Sie nahm ihr die Angst und schien gut informiert zu sein. Neueste Erkenntnisse der Medizin ab 2008 belegten erstmals, wie gering die Ansteckungsgefahr unter einer erfolgreichen und konsequent durchgeführten Therapie war. Den entscheidenden Impuls bekam Rosi aus ihrem Netzwerk für Positive Migrantinnen und Migranten. Dort begegnete ihr erstmals eine HIV-positive Frau mit Kind. Sie sah mit ihren eigenen Augen eine Mutter mit HIV. Und es schien ihr und ihrem Kind gut zu gehen.

Es wurde Zeit für eine neue Erfahrung! Ihr Partner und sie beschlossen, den Schritt zu wagen und ein Kind zu bekommen!

Die Umgebung der beiden reagierte ganz unterschiedlich. Die Eltern waren begeistert, was aber auch damit zusammen hing, dass sie nicht über ihre Infektion informiert waren. Der Großteil ihrer Freunde teilte diese Euphorie und freute sich mit dem Paar. Daneben gab es aber auch Verletzungen. So etwa von einer guten Freundin, die nicht in der Lage schien, ihre Ängste Rosi gegenüber zu formulieren und ihr stattdessen Verantwortungslosigkeit vorwarf. Rosis beste Freundin hatte sich sogar komplett zurückgezogen und mied den Kontakt mit ihr.

Die erste Zeit der Schwangerschaft war schwer. Rosi vertrug die Medikamente nicht, litt unter Übelkeit und Erbrechen. Sie machte sich Sorgen um das Kind in ihrem Bauch. Dadurch, dass sie vor der Schwangerschaft bereits eine mehrjährige Therapiepause eingelegt hatte, konnte sie nun den neuen Zyklus nicht mehr unterbrechen. Die Auswahl der Medikamente war für Schwangere jedoch sehr eingeschränkt. Glücklicherweise ging es ihr mit dem 2. Medikament besser, sie erholte sich gut und blieb bis heute bei dieser Kombinationstherapie.

Die Auswahl der Geburtsklinik war einfach: Im näheren Umkreis gab es 2009 nur zwei Kliniken, die auf einen Geburtsvorgang mit einer HIV-positiven Frau vorbereitet waren. Bei den Hebammen sah es nicht anders aus. Es gab zu wenig schwangere Frauen mit HIV, der Bedarf an Hebammen mit einem HIV-Schwerpunkt war zu gering.

Aufgrund fehlender Erfahrungswerte für Vaginalgeburten beharrte das Klinikpersonal nach wie vor auf der Wahl des Kaiserschnitts. Dass die Medizin Fortschritte gemacht hatte, war also noch nicht wirklich angekommen. Rosi war machtlos in Anbetracht der dünnen Versorgungslage.

Aber abgesehen davon fühlte sie sich in der Klinik gut aufgehoben. Das medizinische Personal behandelte sie freundlich und ebenso respektvoll wie ihre Mitpatientinnen. Es gab allein eine Situation, die auf Unsicherheiten im Umgang mit HIV schließen ließ. Rosi hatte den Eindruck, dass man sich zu sehr an den Leitlinien orientierte und dabei die Person etwas aus den Augen verlor. So erklärt sie sich heute die verfrühte Terminierung des Kaiserschnittes, durch welche sie viel Blut verlor. Auf den Blutverlust reagierten die Ärztinnen und Ärzte wiederum besonnen und verabreichten ihr Blutplasma statt einer Blutkonserve. Eine normale Bluttransfusion erhöht bei Menschen mit HIV die Gefahr einer Hepatitis-Infektion.

Der Geburt folgte ein weiteres aufregendes Jahr, nach dessen Ablauf erst festgestellt werden konnte, ob das Kind infiziert war oder nicht. Alles war gut gegangen. Der Test war negativ. Heute geht es Rosi und ihrem Kind gut.

 "...neben den Besonderheiten der Infektion ist die Frau eine ganz 'normale' Schwangere" - Interview mit der Hebamme Ute Lange

Ute Lange arbeitet als freiberufliche Hebamme in Wuppertal. Seit 1983 ist sie Hebamme, seit 1990 in eigener Praxis. Ihre erste Begegnung mit dem Thema HIV/Aids und Schwangerschaft hatte sie im Jahr 1996, als sie eine HIV-positive Frau während der Schwangerschaft, Geburt und im Wochenbett begleitete. Seit dieser Zeit hat sie rund 30 HIV-positive Frauen betreut. Sie ist außerdem Beauftragte für Internationale Hebammenarbeit im Deutschen Hebammenverband und Soziologin und Erziehungswissenschaftlerin (M.A.). Zurzeit arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Verbund Hebammmenforschung der Fachhochschule Osnabrück.

Sie haben als Hebamme mehrere HIV-positive Frauen begleitet. Sehr häufig erfahren Frauen während der Schwangerschaft von ihrer HIV-Infektion. Das löst natürlich erst einmal einen großen Schock und eine große Verunsicherung aus. Wie geht es den Frauen, wenn sie das erste Mal zu Ihnen in die Praxis kommen?

Die meisten HIV-positiven Frauen, die ich in meiner Praxis begleite oder begleitet habe, wussten bereits vor ihrer Schwangerschaft von der HIV-Infektion. Bei ihnen stellt sich die Situation deshalb anders dar, sie haben langjährige Erfahrung im Umgang mit ihrer Infektion.

Das heißt, die Frauen haben sich bewusst für eine Schwangerschaft entschieden?

Ob es sich jeweils um eine bewusst geplante Schwangerschaft handelt, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich frage die Frauen generell nicht, wie sie schwanger geworden sind, weil ich der Meinung bin, dass mich das erstmal nichts angeht. Einige Frauen berichten von sich aus irgendwann vom Beginn der Schwangerschaft und den Begleitumständen. Oft sind es ja Ängste und Schuldgefühle, die sie mit sich herumtragen. Da besteht dann ein gewisser Druck, jemandem davon erzählen zu wollen.

Eine HIV-positive Frau gilt aus medizinischer Sicht automatisch als sogenannte Risikoschwangere. Was verändert das innerhalb der Vorsorge?

In der Tat wird eine Schwangerschaft unter einer HIV-Infektion als Risikoschwangerschaft eingestuft. In einer Schwangerschaft ohne Risikofaktoren kann die Hebamme bis auf den Ultraschall alle Vorsorgeuntersuchungen durchführen. Erst wenn ein abklärungsbedürftiger Befund oder ein allgemeines Risiko festgestellt wird, wird die ärztliche Vorsorge notwendig. Bei einer HIV-positiven Frau ist dies der Fall, daher hat die Hebamme hier eher andere Aufgaben. Die Schwangere sollte also an einen niedergelassenen Gynäkologen und an ein HIV-Schwerpunktzentrum angebunden werden.

Welche Aspekte müssen beachtet werden?
 
Natürlich sollten die Laborparameter und die Viruslast im Blut sehr genau beobachtet werden. HIV-positive Frauen sind außerdem gefährdeter für die Entwicklung eines Schwangerschaftsdiabetes und vorzeitiger Wehen. Auch müssen weitere Infektionen ausgeschlossen oder gegebenenfalls behandelt werden, z.B. Hepatitis B und C. Zur Geburt werden HIV-positive Frauen in sogenannte Level I-Kliniken überwiesen, die eine intensivmedizinische Versorgung von Mutter und Kind gewährleisten können.

Das bedeutet, dass die Schwangerschaft sehr medizinisch dominiert ist. Die Schwangere wird mit sehr vielen medizinischen Informationen konfrontiert und sie muss viele Entscheidungen treffen. Wie kann man Frauen in dieser Situation unterstützen?
 
Das ist richtig. Als positive Frau ist die körperliche Erfahrung sehr häufig auf das Medizinische fokussiert. Die Hebamme kann an dieser Stelle eine gute psychosoziale Begleiterin sein, aber auch positiv auf mögliche medizinische Risiken wie vorzeitige Wehen Einfluss nehmen. Sie kann die Schwangere dabei unterstützen, eine andere Perspektive einzunehmen. Für viele bedeutet eine Schwangerschaft und ein Kind zu gebären eine unglaubliche Bestätigung ihres Frauseins. Frauen erleben sich in dieser Phase als sehr potent. Ich biete mich als Gesprächspartnerin an und kann den Blick wieder für das individuelle Erleben der Schwangerschaft öffnen: Für die Fragen und Ängste, für die Freude auf das Kind und das „Schöne“. Denn neben den Besonderheiten der Infektion ist die Frau eine ganz „normale“ Schwangere, mit allen Bedürfnissen und Wünschen, die sich in dieser Zeit entwickeln und die ausgedrückt werden wollen. Ich ermutige die Frauen, psychosoziale Angebote wahrzunehmen.

Sie haben in der Landesarbeitsgemeinschaft Frauen HIV/Aids auf das gesundheitsfördernde Potential einer Schwangerschaft hingewiesen.

Ja. Heute weiß man, dass durch eine Schwangerschaft keine langfristige Verschlechterung der gesundheitlichen Situation positiver Frauen eintritt, den meisten geht es sogar besser. Ein Kind zu bekommen kann enorm immunstimulierend sein. Es zeugt von einem großen Lebenswillen und einer zukunftsgerichteten Lebensperspektive. Ein Aspekt ist sicher auch, dass Frauen in keiner anderen Phase ihres Lebens so empfänglich sind für gesundheitsfördernde Informationen und Veränderungen.

Viele Frauen verheimlichen ihr positives Testergebnis aus Angst vor der negativen Reaktion ihrer Umwelt. Ist das in den geburtsvorbereitenden Gruppenangeboten nicht ein Problem?

Die letzte positive Frau, die ich begleitet habe, hat einfach nur an dem Kurs teilgenommen und den Kontakt zu anderen Schwangeren genossen ohne sich zu outen, warum nicht? Ich erlebe es in der Regel so, dass HIV-spezifische Fragen nicht in den Gruppenangeboten, sondern mit mir oder den Ärzten im geschützten Raum thematisiert werden. Das tun auch andere Frauen mit besonderen Erkrankungen oder Lebensumständen. Die Kurse auf der einen und die persönlichen Gespräche auf der anderen Seite erfüllen unterschiedliche Funktionen. Als Hebamme mache ich jeder Frau unterschiedliche Angebote. Das können Gesprächsangebote zu bestimmten Fragestellungen oder Problemen sein, Entspannungsangebote oder Körperarbeit. Ich finde es sehr wichtig, dass die Frau selbst bestimmt, was sie will. Manche möchten nur über ihre Babyausstattung sprechen oder über den kommenden Alltag mit ihrem Kind. Die Frau behält die Fäden in der Hand und entscheidet nach ihren Bedürfnissen, über was sie reden möchte, oder ob sie sie sich z.B. auf körpernahe Angebote einlassen möchte.

Wie finde ich denn als HIV-positive Frau eine Hebamme, die Erfahrung in der Begleitung von HIV-positiven Frauen in der Schwangerschaft hat?

Nach der Landesarbeitsgemeinschaft im Mai habe ich einen Rundbrief an alle Hebammen in NRW gesendet und sie aufgefordert, sich mit den Aidshilfen zu vernetzen. Unser Ziel ist es, dass jede Aidshilfe zu mindestens ein bis zwei Hebammen näheren Kontakt hat und die Schwangere gut weitervermittelt werden kann, weil man sich kennt. Die Aidshilfen tragen auch die Informationen über das Arbeitsspektrum der Hebammen weiter. Viele wissen gar nicht, dass eine Hebamme von der Familienplanung bis viele Monate nach der Geburt Hilfe und Unterstützung anbietet und dass diese Leistungen kostenlos sind. Ich würde jeder positiven schwangeren Frau empfehlen, bei der regionalen Aidshilfe nach bekannten Hebammen zu fragen, denn einige kooperieren schon seit vielen Jahren. Eine andere Möglichkeit wäre es, die Kreisgruppen der Hebammen über die Homepage zu kontaktieren und hier telefonisch nachzufragen, welche Hebamme in der Region entsprechende Erfahrungen hat.

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Frauen und HIV Info

Auf der Internetseite frauenundhiv.info der Deutschen AIDS-Hilfe finden Sie weitere Informationen zum Thema Frauen, HIV und Aids.

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