Für die Stärkung der Rechte und für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Menschen in der Sexarbeit

Die Position der LAG Frauen und HIV/Aids in NRW zur Sexarbeit

Wir, die Landesarbeitsgemeinschaft Frauen und HIV/Aids in NRW, setzen uns dafür ein, dass Frauen mit HIV weder ausgegrenzt noch anderweitig diskriminiert werden und wir wirken darauf hin, dass Frauen optimal beraten und betreut werden. Wir folgen dabei dem Grundsatz, dass Aufklärung und Beratung vor repressiven Maßnahmen Vorrang haben sollten.

Wir setzen uns für eine Entstigmatisierung und Entkriminalisierung der Sexarbeit ein. In der Sexarbeit besteht die Möglichkeit, sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken. Die Praxis zeigt, dass eine effektive STI und HIV-Prävention nur dann funktioniert, wenn das Individuum in seinem Selbstwertgefühl gestärkt und ermutigt wird, eigenverantwortlich und selbstbewusst zu handeln. Wir halten es auf dieser Grundlage für sinnvoll, die Rechte von Menschen in der Sexarbeit zu stärken, damit diese ihre Arbeits-und Lebensbedingungen möglichst sicher und positiv gestalten können. Prostitution generell gleichzusetzen mit Gewalt oder gar Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung blendet aus, dass es Menschen gibt, die freiwillig in der Prostitution arbeiten. Gleichwohl können Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter Opfer von Gewalt und Menschenhandel sein. Es gibt Gesetze, die diese Straftaten ahnden.

Um gegen sexuelle Ausbeutung vorzugehen, bedarf es einer sehr genauen und differenzierten Betrachtung der Sexindustrie mit ihren vielen Facetten. Wir sind davon überzeugt, dass die Sicherheit der Frauen und Männer sich nicht durch die Abschaffung des ProstG´ erhöhen würde, sondern durch die Verhinderung der Kriminalisierung.

Unter Repressionen kann es keinen Schutz für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter geben, dass Abdrängen in gesetzliche Grauzonen fördert Kriminalität. Desgleichen wird das Risiko der im Sexgewerbe tätigen Menschen erhöht, Opfer von Gewalt und Menschenhandel zu werden. Ebenso erhöht sich die Gefahr, sich mit ansteckenden Krankheiten zu infizieren, weil die Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in die Illegalität abtauchen würden und so von den Beraterinnen nicht mehr oder nur sehr schlecht erreicht werden könnten.

Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter müssen die Chance haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, welches auch eine Sozial-und Krankenversicherung beinhaltet. Sexarbeit darf nicht länger stigmatisiert werden, sie benötigt Sicherheit und Anerkennung.

Vor allem aber sollten die mit in den Prozess der Veränderung eingebunden werden, die es auch betrifft: die Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter selbst!

Daher unterstützen wir den "Appell für Prostitution – für die Stärkung der Rechte und für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Menschen in der Sexarbeit" des Berufsverbandes erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. Prostitution muss unter rechtsstaatlichen und menschenwürdigen Bedingungen ausgeübt werden können. Wir wollen die Rechte der Prostituierten stärken und fordern, dass Einstiegs–, Beratungs– und Ausstiegsangebote qualitativ und quantitativ ausgebaut werden.

Ein Abend in der Dortmunder Nordstadt

Im gesamten Dortmunder Stadtgebiet ist die Straßenprostitution seit 2011 verboten. Wer dem zuwider handelt, muss mit empfindlichen Strafen rechnen, die bei 260,- Euro Bußgeld beginnen und im schlimmsten Fall bei mehrtägiger Haft enden. Trotzdem gibt es Frauen, die dort außerhalb von Bordellen ihrem Gewerbe nachgehen. Die Nordstadt ist praktisch, sie ist innenstadtnah und daher gut frequentiert, hat eine gute Infrastruktur, so dass man sich auch mal schnell einen Kaffee holen oder irgendwo aufwärmen kann. Läden für Geldtransfers sind 24 Stunden lang geöffnet, man bekommt etwas zu essen. Es ist alles da.

Die meisten der Sexarbeiterinnen auf dem Straßenstrich in Dortmunds Nordstadt finanzieren mit ihrer Arbeit ihre Drogensucht. "Das Geld reicht immer für den nächsten Konsum von was auch immer" sagt Meike Serger von der Dortmunder Mitternachtsmission dazu. Nur ein Bruchteil der Frauen bezieht Arbeitslosengeld. Sie brauchen das schnelle Geld dringend und gehen dafür auch über Grenzen. Sex ohne Kondom wird von zahlreichen Freiern bevorzugt und für 10 Euro mehr auch von zahlreichen Frauen in Not geliefert.

Und weil das in ähnlicher Form schon immer so war, ist die Dortmunder Mitternachtsmission seit 1988 auf den Straßen der Nordstadt kontinuierlich präsent. Meike Serger und ihre Kolleginnen – eine weitere hauptamtliche und acht Honorarkräfte – sind zweimal täglich vor Ort. Tagsüber meist allein, am Abend gehen sie zu zweit. Manchmal begleitet von einer Sprachmittlerin, die sich auch oft alleine auf den Weg in die Nordstadt macht. Sie suchen die Frauen auf der Straße auf, gehen in die Anbahnungsorte wie Kneipen und Gaststätten, auch mal in Diskotheken, wo sie auf die jüngeren Sexarbeiterinnen treffen. Dort verteilen sie mehrsprachige Flyer und anderes Infomaterial, Kondome, Tempos, aber auch die XXelle Gummibärchen sind ausgesprochen beliebt, denn – so Meikes Erfahrung: Drogenabhängige Frauen lieben Zucker. Und es müssen kleine Give aways sein, also keine Schokoladetafeln, sondern eben diese kleinen Gummibärtütchen, die schnell verzehrt nicht zu unnötigem Ballast werden. Und nebenher neugierig machen, auf XXelle, auf Aidshilfen und ähnliche Angebote.

Die Frauen der Mitternachtsmission machen sich stets zu anderen Zeiten auf den Weg in die Nordstadt. So haben sie die größte Chance, jeder der Frauen auch zu begegnen. In der Regel treffen sie bei einer Runde auf acht bis 30 Frauen. Das hängt von Faktoren wie der persönlichen Tagesform, dem Wetter oder auch davon ab, ob es sich um den Monatsanfang oder das Monatsende handelt. Zum Ende des Monats sind mehr Frauen auf der Straße. Früher waren es über das Jahr verteilt bis zu 700 Sexarbeiterinnen auf dem legalen Straßenstrich in der Nordstadt, 2015 hat man insgesamt 138 Frauen gezählt, wovon 98 Frauen der Beschaffungsprostitution nachgingen.

Koordiniert werden die Einsätze von Meike Serger und Hanna Biskoping, der zweiten hauptamtlich Beschäftigten. Sie setzen sich im zwei-Wochen-Rhythmus mit allen Streetworkerinnen zusammen und erstellen die Einsatzpläne. Dabei besprechen sie auch, was sie in den vergangenen Wochen erlebt haben, wen sie angetroffen haben, wer neu ist im Kiez und was unbedingt gemacht werden muss. Alle Streetworkerinnen müssen wissen, was los ist, was in der Vorwoche passiert ist, welche Frau vielleicht aus Haftgründen in den nächsten Wochen nicht auftauchen wird und welche Frau vielleicht gerade aktuell welche Probleme hat. Denn es geht bei ihrer Arbeit nicht nur darum, Kondome zu verteilen. Wenn man sich kennt, begrüßt man sich auch, manche Sexarbeiterin winkt schon von weitem und nutzt den Besuch für eine kleine Gesprächspause. Sie gehen gemeinsam etwas essen oder trinken und besprechen, was gerade anliegt. Über das Essen – so Meike – geht viel bei den Frauen! Dabei sind Meike und ihre Kolleginnen von der Mitternachtsmission Helferinnen für jede Lebenslage. Sie unterstützen die Frauen bei Behördengängen, machen mit ihnen Entgiftungs- oder auch HIV-Testtermine, besorgen ihnen Kleidung oder bieten ihnen einen Platz zum Duschen. „Wir sind Überlebenshelfer“ sagt Meike dazu. 

Allen Frauen versuchen sie eine Änderung ihres Lebensstils und ihrer persönlichen Verhältnisse nahezubringen und sie zu einer Substitutionsbehandlung oder zum Ausstieg aus der Prostitution zu ermutigen. Natürlich ist nicht jede Angesprochene offen dafür oder kann aufgrund der Sprachbarriere überhaupt verstehen, was gemeint ist.

Die Frauen der Mitternachtsmission begleiten die vorwiegend aus Bulgarien stammenden Sexarbeiterinnen zu HIV-Tests und sorgen für die weitere Behandlung, wenn der Test positiv ausfällt. Die Frauen sind meist nicht versichert und kaum in der Lage, eine ärztliche Behandlung privat bezahlen zu können. Dank der guten Zusammenarbeit mit dem Dortmunder Gesundheitsamt gibt es aber auch hier Möglichkeiten. Meike und ihre Kolleginnen melden den jeweiligen Fall telefonisch an und man prüft dort, was konkret für die Frau getan werden kann. An zwei Terminen in der Woche bietet das Amt auch eine gynäkologische Sprechstunde für nicht-krankenversicherte Frauen an. 

Zusätzlich steht den Frauen in Dortmund fünfmal wöchentlich der mobile medizinische Dienst kostenfrei zur Beratung und Untersuchung zur Verfügung. Auch hierbei handelt es sich um ein Angebot des Gesundheitsamtes.

HIV ist für die Sexarbeiterinnen in der Nordstadt grundsätzlich ein großes Angstthema. Für diejenigen, die tatsächlich HIV-positiv sind, ist es besonders schwierig. Ohne festen Wohnsitz und unter dem Einfluss von Drogen ist eine auf Dauer regelmäßige Einnahme von Medikamenten kaum realisierbar. Daher besteht bei diesen Frauen die Gefahr, dass sich Resistenzen bilden und Folgekrankheiten vermehrt auftreten. Hinzu kommt, dass viele der bulgarischen Frauen oft einfach noch unwissend sind und glauben, dass man gesund ist, solange nichts zu sehen ist. "Hier gibt es noch viele dicke Bretter zu bohren!" kommentiert Meike.

Für Ihre Arbeit auf den Straßen der Nordstadt brauchen die Mitarbeiterinnen der Mitternachtsmission viel Geduld, eine hohe Frustrationstoleranz, viel Freude an kleinen Erfolgen und viel Kreativität. So versucht Meike ihre Frustration, die dann und wann entsteht, in konstruktive Energie umzuwandeln. Auf diese Weise kam sie gemeinsam mit den anderen einmal auf die Idee, Kondome mit Erdbeergeschmack zu verteilen, um so die Sexualpraktik "Französisch mit Kondom" zu lancieren. Es bedarf kreativer Lösungsansätze und eines guten Aufhängers, um ein Thema bei den Frauen anschneiden und platzieren zu können.
Und wenn es dann so ist, dass eine der Klientinnen der Mitternachtsmission es geschafft hat, ihre Entgiftung durchzuhalten, die Straße zu verlassen und heute an ihrem Führerschein und ihrer Zukunft arbeitet, dann hat sich alles gelohnt. "Alles ist möglich!" – mit dieser Erfahrung und diesem Wissen startet jeder neue Tag für die Mitarbeiterinnen der Dortmunder Mitternachtsmission.

Die Dortmunder Mitternachtsmission gehört zu den Gründungsmitgliedern der Landesarbeitsgemeinschaft Frauen und HIV/Aids in NRW und engagiert sich dort regelmäßig.

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Frauen und HIV Info

Auf der Internetseite frauenundhiv.info der Deutschen AIDS-Hilfe finden Sie weitere Informationen zum Thema Frauen, HIV und Aids.

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