Mit eigenen Worten ...

Mein Name ist Natalie Rudi und ich bin seit langem in der Landesarbeistgemeinschaft Frauen und HIV/Aids engagiert und seit Oktober 2014 Mitglied im Vorstand der Aidshilfe NRW. 

Ich wurde 1982 in der ehemaligen UdSSR (heutiges Kasachstan) geboren, kam 1992 an den Niederrhein in die Klosterstadt Kamp-Lintfort und lebe seit Kurzem in Rheinberg. Das Studium zur Dipl. Soz. Arb. und Dipl. Soz. Päd. habe ich 2004 an der Universität Essen mit den Schwerpunkten Beratung, Resozialisation und Sozialmedizin absolviert.

Bereits vor zwölf Jahren habe ich mich für die Aidshilfearbeit entschieden. Die ersten Schritte ging ich als Praktikantin. Es folgte die langjährige ehrenamtliche Tätigkeit in den Arbeitsbereichen Youthwork, Telefonberatung sowie Öffentlichkeitsarbeit. Parallel dazu arbeitete ich nach dem Studium in der Psychiatrie.

Seit 2006 bin ich hauptamtliche Mitarbeiterin der mittelgroßen Aidshilfe Oberhausen mit einer Vielzahl von Arbeitsfeldern, überwiegend mit dem Schwerpunkt der Psychosozialen Beratung und Betreuung. Seit 2011 habe ich dort die Funktion der Geschäftsführung inne.

Ich möchte hier die Gelegenheit nutzen, in meiner Funktion als Vorstandsmitglied der Aidshilfe NRW einige besondere Themen und Schwerpunkte meines beruflichen Alltags und Erlebens darzustellen.

Migration – Auch ich gehöre dazu

Die meisten Menschen nehmen mich nicht als Migrantin wahr. Mein Äußeres und meine Sprache lassen keine Rückschlüsse auf einen Migrationshintergrund zu. Mit meinen blonden Haaren sehe ich vielmehr ur-deutsch aus. Aber das stimmt nicht. Deutschland ist nicht mein Geburtsort und Deutsch nicht meine Muttersprache. Ich lebe erst seit 1991 hier in Deutschland. Geboren bin ich in Kasachstan in der damaligen Sowjetunion. Ich bin mit neun Jahren zusammen mit meiner Familie und vielen vielen anderen Russlanddeutschen als sogenannte Spätaussiedlerin nach Deutschland gekommen. Damals hat die deutsche Regierung dafür gesorgt, dass Minderheiten, die nachweisen können, dass sie deutsche Vorfahren haben, auch als Deutsche nach Deutschland einreisen dürfen. Meine Eltern mussten – bis es endlich klappte - drei Jahre lang Anträge stellen und Nachweise vorlegen. Mit diesem Spätaussiedler-Status kamen innerhalb von 15 Jahren ca. 1,5 Millionen Menschen aus Russland nach Deutschland. Als Deutsche. Und das, obwohl sie der Landessprache noch überhaupt nicht mächtig waren.

Meine Eltern kamen mit mir und zwei Geschwistern in Hannover an, von wo aus wir mit Bussen in ein Erstaufnahmelager transportiert wurden. Auch wir verbrachten die erste Zeit in einer Massenunterkunft mit Etagenbetten und vielen Menschen. Das war in Unna. Nach einer weiteren ähnlichen Zwischenstation erhielten wir einige Wochen bis Monate später unsere Zuweisung, wo wir uns niederlassen dürften. Das war in der Nähe von Wolfsburg, drei Kilometer von der damaligen DDR-Grenze entfernt in einer ehemaligen militärischen Kaserne. Wir wohnten ein Jahr lang zu fünft auf 20 Quadratmetern mit Gemeinschaftsküche und -bad im Flur. 

So ähnlich stelle ich mir auch heute die Situation der Flüchtlinge vor.

Was ich damals toll fand: Meine Eltern mussten ein Jahr lang jeden Tag für acht Stunden einen Deutsch-Intensivkurs besuchen. Das hat ihnen erst ermöglicht, eine Arbeit zu finden, was dann auch zügig klappte. Mein Vater fand in NRW seine erste Arbeitsstelle als Betriebsschlosser. So kamen wir in Kamp-Lintfort an. Meine Mutter ist gelernte Erzieherin und fand dort in einem Kindergarten eine Anstellung. Beide arbeiten auch heute noch dort. Die Kenntnis der Sprache war und ist immens wichtig, um in einem Land auch ankommen zu können, um sich dort niederzulassen. Und der unbedingte Wille: Das soll unsere neue Heimat werden!

Als Kinder bekamen wir den Ernst der gesamten Situation noch nicht so mit. Wir fühlten uns wohl in einer Unterkunft, in der es viele andere Kinder gab, die auch unsere Sprache sprachen. Aber diese Zeit hatte für mich und meine Geschwister auch ihre Tücken. Die ständigen Umzüge und die andere Muttersprache brachten häufige Klassenwechsel mit sich. Es war ein langer Weg von der Sprachförderungsklasse bis zum Abitur. Die Schulzeit war ein Trauma für mich. Wir hatten kein Geld für Markenklamotten, die damals schon wichtig schienen. Außerdem war ich oft die Einzige, die kein Deutsch sprach. Der Schulwechsel geschah teilweise mitten im Schuljahr, wo sich der Klassenverband längst gebildet hatte. In dieser Zeit habe ich gelernt, wie sich Ausgrenzung anfühlt. Das hat mich geprägt und vermutlich auch dazu geführt, diesen Beruf zu ergreifen, mich für Menschen einzusetzen, die ausgegrenzt und diskriminiert werden, die oft am Rand stehen. 

Meine eigene Migrationsgeschichte hat auch bewirkt, dass ich mich mit den vielen Begrifflichkeiten auseinandersetzte. Migration, Flüchtlinge, Aussiedler, Asylanten, Menschen mit Zuwanderungsgeschichte …

Jede und jeder versteht etwas anderes darunter. Meine Eltern waren Auswanderer, Zuwanderer und Wirtschaftsflüchtlinge. So würde man sie heute bezeichnen.

Migration fasst für mich all das zusammen, ist der Oberbegriff. Migration bedeutet Wanderung. Ein Mensch verlagert seinen Lebensmittelpunkt in ein anderes Land. Die Gründe dafür sind individuell. In diesem Sinne hat ein Großteil von uns einen Migrationshintergrund. Um einmal die Statistik zu bemühen: 2014 hatten 21 Prozent der Menschen, die in Deutschland lebten, einen solchen Migrationshintergrund. 

Jeder Mensch erhofft sich, (mit seiner Wanderung) ein schönes und glücklicheres Leben zu erreichen. Ein Ziel, das uns alle eint. Daher auch mein Appell: Egal, warum, wohin und von wo, in erster Linie sind wir alle Menschen, die versuchen, glücklich zu werden. So sollten wir uns gegenseitig begreifen und in unserem Bemühen annehmen. Und vielleicht sogar noch einen Schritt weiter gehen: uns auch als Bereicherung empfinden. Denn wenn ich mich selbst so hinterfrage, dann fällt mir auf, dass ich nach wie vor Anteile beider Kulturen in mir vereine. Und damit kann ich ein Stück weit dazu beitragen, andere Perspektiven zu eröffnen und andere Denkweisen in die Schale der Möglichkeiten zu werfen.

Beim nächsten Mal berichte ich Euch über die verbandsinterne Migrationsarbeit.

Frauen sind lustvoll - XXelle LIVE 2015

Sex, Lust und Leidenschaft mit HIV – darum ging es bei der 4.Fachtagung XXelle LIVE am 6. November in Düsseldorf. Mit dieser Veranstaltung wollten wir zeigen, dass Frauen in Aidshilfen nicht nur im Zusammenhang mit Drogen, Schwangerschaft, Kinderwunsch und HIV wahrgenommen werden, sondern auch als sexuelle Wesen. Mit allem, was dazu gehört. Das bezieht sich natürlich auch auf die Frauen mit HIV, deren Sexualität heute schon lange nicht mehr problembeladen sein muss.

Ich habe bisher nur wenige Fachtage erlebt, die gleichzeitig mit so viel Input gefüllt waren und trotzdem noch so etwas wie einen Spaßfaktor hatten. Den Mitwirkenden bei XXelle LIVE ist beides eindeutig gelungen.
Der Workshop 1 – „Von Blümchen und Handschellen“ versprach in der Hinsicht viel und hielt es auch. Es ging heiß her, es wurde methodisch gearbeitet und dabei gab es viel zu sehen, zu tasten, zu fragen und zu lachen. Einige Teilnehmerinnen schienen dann und wann leicht überfordert von der vorgestellten Vielfalt. Da dieser Workshop in erster Linie für Beratende geplant war, unterstreicht das nur, wie wichtig es war, sich des Themas anzunehmen und wie wichtig eine offene und annehmende Haltung insgesamt in der Beratung ist. Ich persönlich konnte jedenfalls viel für meine Arbeit mitnehmen, obwohl ich dachte, ich würde schon alles kennen. Natürlich gab es auch einiges zu hören, so stellte die Referentin auch die Historie der Lust und Leidenschaft vor, sehr interessant.

Im Workshop 3 – „Schutz oder Kontrolle“ hatte sich Gisela Zohren eines ausgesprochen komplexen Themas angenommen. Die Novellierung des Prostitutionsschutzgesetzes. Es war sicher sinnvoll, sich im Vorfeld bereits etwas einzulesen, denn 170 Seiten sind auch in komprimierter Form in 90 Minuten kaum zu bewältigen. Gisela hat aber sehr gut auf den Punkt bringen können, an welchen Stellen es hapert, mehr noch, dass dieser Entwurf sogar als nicht verfassungskonform gesehen werden kann. Alle Teilnehmenden waren sich einig, dass es in dieser Form spätestens beim Bundesverfassungsgericht scheitern wird. Zumindest hofften das alle.

Sandra Gödicke hat im Workshop 2 „Ich hab da noch was…“ zuerst einmal die weibliche Anatomie bis zur G-Zone vorgestellt. Auch Sexualpraktiken wurden angesprochen. Um klar zu machen, wie unangenehm es manchmal für die Frauen sein muss, ihre intimsten Fragen vor den Beraterinnen zu stellen, wurden die Teilnehmerinnen in zwei Gruppen aufgeteilt und zum Speed-Dating eingeladen. Dort mussten sie face to face sehr persönliche Fragen beantworten, was so manche von ins Trudeln brachte. Ziel erreicht!

Im Workshop 6 – „Sexarbeit und HIV“ gab Andrea Hitzke von der Dortmunder Mitternachtsmission einen sehr gelungenen Überblick über die einmalige und große Angebotspalette an Beratung und Unterstützung in NRW. Wir sind hier wirklich sehr gut aufgestellt! Klar wurden die Unterschiede zwischen dem ländlichen und dem städtischen Bereich ebenso wie zwischen den verschiedenen Settings. Man muss differenzieren, über was man spricht, ob über eine Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter oder über eine solche für Opfer von Menschenhandel. Leider – und das ist der Wermutstropfen – ist die Finanzierung der meisten Projekte nur zeitlich befristet. In diesem Themenfeld bedarf es aber der kontinuierlichen Beziehungsarbeit …

Das waren die Workshops, von denen ich Euch berichten kann. Freut Euch auf die Dokumentation, die wird ausführlicher!

Dann ging es zum Jubiläum von LAG und XXelle, das die Ministerin Barbara Steffens mit einer engagierten Rede und viel Lob für die Vernetzungsarbeit einleitete. Auch der Landesvorstand war durch Peter Struck vertreten. Er dankte den Frauen der LAG im Namen des ganzen Landesverbands für ihre Arbeit. Es folgten die Sprecherinnen der LAG, die sehr anschaulich die praxisnahe Arbeit der Landesarbeitsgemeinschaft und die Vernetzung bis hin zur kleinsten örtlichen Aktion darstellten.

Mein Fazit: Wir machen in der LAG bombastisch gute Arbeit! Ich für meinen Teil habe mir vorgenommen, dass ich mit meiner Vorstandsarbeit dazu beitragen möchte, dass es auch so bleibt.

Frauen und Männer in der Sexarbeit – Unser Haltungspapier ist verabschiedet

Am 17. Oktober 2015 wurde in der Mitgliederversammlung der Aidshilfe NRW einstimmig ein Haltungspapier zum Thema Sexarbeit verabschiedet. Wie kam es dazu?

Wir wollten dringend mal Stellung beziehen nach all den Diskussionen und Gesetzesentwürfen, die in den letzten Monaten um die Sexarbeit in der Republik herumgeisterten. Also lud die Aidshilfe NRW alle Mitgliedsorganisationen im März zu einem ersten Workshop ein. Wir wollten gemeinsam diskutieren, welche Haltung der Verband grundsätzlich zum Thema Sexarbeit einnehmen und nach außen tragen möchte. Der Einladung folgten über 20 Organisationen. Das ist die Hälfte unserer Mitglieder, also eine wahnsinnig gute Beteiligung, darüber hinaus decken sie ein großes Spektrum unseres fachlichen Know-hows ab. Das haben wir zur Bearbeitung der Schwerpunktthemen weibliche und männliche Sexarbeit umfassend genutzt.

Beim ersten Treffen wurde in vier Fokusgruppen sehr genau und konstruktiv danach geschaut, wo wir stehen, was wir vor Ort machen, welche Zielgruppen wir erreichen und wo es noch Lücken gibt. Es stellte sich schnell der Bedarf für ein zweites Treffen heraus, welches im August stattfand. Was ich bemerkenswert und sehr praktisch fand: Ungefähr 80 Prozent der Beteiligten aus der 1. Arbeitsgruppe waren wieder mit dabei. Damit konnten wir inhaltlich weiter in die Tiefe gehen und unsere Haltung mit unserem Leitbild abgleichen.

Natürlich fanden alle Auseinandersetzungen vor dem Hintergrund der Existenz des Referentenentwurfs des Gesetzes zur "Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen" statt. Ohne zu wissen, ob und in welcher Form dieser Entwurf verabschiedet wird, machten wir uns schon Gedanken darüber, wie er überhaupt auf die Praxis übertragbar sein kann.

Viele Verbände haben bereits dazu Stellung bezogen, aber niemand weiß, wo es hingehen soll bzw. wird. Vermutlich wird es im Frühjahr 2016 zu einer Verabschiedung kommen. An dieser Stelle möchte ich Euch auf die Stellungnahme der Deutschen AIDS-Hilfe (PDF-Datei) vom September aufmerksam machen, in der ganz konkret gesagt wird, dass es so nicht funktionieren kann. Es werden sogar Alternativen angeboten. Dem kann ich mich voll und ganz anschließen.

Ich habe in Oberhausen und Umgebung bisher die Erfahrung gemacht, dass die Städte und Kommunen sehr verunsichert auf den Entwurf reagieren. Schließlich sollen die enthaltenen Maßnahmen wie beispielsweise die Einhaltung der Kondompflicht und die Inanspruchnahme einer gesundheitlichen Beratung kontrollieren. Das wird meiner Ansicht nach so wohl nicht möglich sein!

Es gibt permanent neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Sexarbeit, da führt ein solcher Gesetzesentwurf leider nur zu verstärkter Verunsicherung und Überforderung in der Region. Ich kann nur hoffen, dass dieser bisher vorgelegte Entwurf noch einmal überarbeitet wird und auch die Ergebnisse des Runden Tisches Prostitution NRW darin einfließen – was bisher kurioser Weise nicht der Fall ist.

Zurück zum 2. Treffen im August: Ich habe selten ein so konstruktives und gutes Miteinander-Arbeiten erlebt! Wie schon beim 1. Treffen hat sich das komplette Gebilde von Sexarbeit hier wiedergespiegelt. Auch wenn die regionalen Bedarfe total unterschiedlich sind, wurde alles in dieser Runde super abgedeckt. Ich muss sagen: Ich habe viel dazugelernt und war tief beeindruckt! Wir haben eine geballte Ladung an Know-how in unserem Landesverband!

Das Themenfeld Sexarbeit  – und das wurde mir hier nochmals richtig klar – ist super komplex und muss daher sehr differenziert betrachtet werden. Es ist ein Unterschied, ob wir vom Straßenstrich oder dem Bordell sprechen, ob es um Mann/Mann-Prostitution oder Frau/Mann-Prostitution geht. Es existieren einfach unzählige Facetten. Und noch eine Erkenntnis konnte ich aus der Arbeitsgruppe für mich mitnehmen: Wir müssen die regional unterschiedlichen Gegebenheiten einfach akzeptieren. Die Vor-Ort-Arbeit ist und muss auch unterschiedlich sein, so wie es die Strukturen eben auch sind. Es gibt kein allgemeingültiges Rezept im Bereich der Beratung und Prävention für Sexarbeit.

Wie sieht nun das Haltungspapier aus, welches die Mitgliedsorganisationen verabschiedet haben? Erst einmal besagt es, dass alle Settings, alle Beteiligten und alle Geschlechter berücksichtigt werden sollen, da Sexarbeit ausgesprochen vielschichtig ist. Dann wollen wir festhalten, dass Sexarbeit für die Aidshilfen nur einen von vielen Schwerpunkten darstellt, der sich dann auch eher auf die Mann/Mann-Prostitution und die Prostitution im Kontext von Migration und Zwang bezieht. Und schließlich fordern wir damit einmal mehr

  • die Bereitstellung der Ressourcen,
  • den Zugang in das Sozial- und Gesundheitssystem für alle Menschen in der Sexarbeit und
  • eine bedarfsgerechte und nachhalte Finanzierung.


Bitte entnehmen Sie die Details dem Haltungspapier (PDF-Datei) selbst.

Ein solches Haltungspapier unterliegt natürlich einer ständigen Überprüfung, ist mehr ein Prozess als in-Stein-gemeißelt. Es muss stets den aktuellen Entwicklungen angepasst, bei Bedarf ergänzt und verändert werden.

Das heißt für uns: Wir bleiben am Ball!

Frauen machen's gemeinsam - Deutsch Österreichischer AIDS-Kongress 2015 in Düsseldorf

Mein erster DÖAK – ich muss gestehen, dass ich schon sehr neugierig war. Vier Tage, organisiert und veranstaltet von Vertreterinnen und Vertretern aus zwei Ländern, besucht von Menschen mit HIV, Menschen aus der Medizin, der Forschung, der Beratung oder einfach nur interessierten Menschen – das versprach schon groß zu werden! War es auch. Und das Beste: In diesem Jahr standen die frauenspezifischen Themen im Vordergrund. Das machte der Kongresspräsident Professor Häussinger in seiner Begrüßungsrede auch explizit deutlich.

Michelle Meyer, Aidsaktivistin aus der Schweiz, ist mir ebenfalls bei der Eröffnung besonders in Erinnerung geblieben mit ihrer sehr bewegenden Art, die Dinge aus Sicht einer HIV-positiven Frau anzusprechen. Sie forderte und mahnte, benannte klar und konkret die Lebenslage von Menschen mit HIV, war dabei sehr emotional und deutlich, aber auch humorvoll und lyrisch. Eben lebendig.

Die Rede der ehemaligen Gesundheitsministerin und Bundestagspräsidentin Professor Süssmuth empfand ich auch als sehr leidenschaftlich. Sie spielte darin auf das Motto des DÖAK „WISSENschafftZUKUNFT“ an und betonte deutlich, dass Wissen ohne eine klare Positionierung, ohne Haltung eben keine Zukunftsperspektiven bereitstellen kann.

Natürlich konnte ich an den vier Tagen nicht alle Sessions besuchen, was mir die Wahl echt schwer machte. Deswegen gehe ich hier auch nur auf das ein, was mir besonders auffiel. Am Donnerstag zum Beispiel ist mir in der Session „Gemeinsam gegen Diskriminierung im Gesundheitswesen“ klar geworden, wieviel Raum mittlerweile die medizinischen Werte in dieser Diskussion einnehmen. Mit der Aussage „Mit einer Viruslast unter der Nachweisgrenze ist man nicht mehr infektiös“ verschiebt sich eine Diskriminierung auf diejenigen, die diese Bedingungen eben nicht erfüllen – aus welchen Gründen auch immer. Das darf nicht sein. Plötzlich findet eine Unterscheidung statt…

Interessant fand ich auch, dass über 30 Prozent der Menschen mit HIV in Deutschland über 50 Jahre alt sind. Ein Drittel von ihnen lebt unter der Armutsgrenze, das sind im Verhältnis doppelt so viele wie in der Gesamtbevölkerung. Davon machen die Frauen – ihr ratet es schon – den größeren Teil aus. Das ist keine Überraschung, aber jetzt ist es durch eine Studie offiziell belegt.

Im Workshop „Impfung und Antikörper“ musste ich fast passen. Ich habe versucht, der Session zu folgen, aber sie war doch sehr medizinisch orientiert, wovon ich nur etwa ein Fünftel verstanden habe. Das ging anderen wohl auch so, obwohl es unter „Basic“ stattgefunden hat, also eigentlich etwas niedrigschwelliger hätte sein sollen…

„Dem Stigma ins Gesicht lachen. Diskriminierung bekämpfen – Menschen mit HIV zeigen Gesichter“ machte mir ganz deutlich, dass wir mehr mutige und engagierte Menschen brauchen, mehr Menschen, die diskriminierende Zustände auch melden und sich nicht davor scheuen.

Beim Stichwort „engagiert“ kann ich gleich anknüpfen an den Workshop „Frauen machen´s. Gemeinsam“ von XXelle und dem Netzwerk Frauen & Aids. Hier wurde nämlich ebenfalls deutlich, wie wichtig neben dem Engagement in der Beratung auch der Einsatz des medizinischen Personals ist. Das zeigten Annette Ritter von der Aids-Hilfe Münster und Dr. Doris Reichelt von der Uniklinik Münster sehr praxisnah und anschaulich an zwei Fallbeispielen. Ganz klar konnte das Auditorium hier sehen, was Ärztinnen und Ärzte zusammen mit dem Beraterteam alles leisten, wie umfangreich die Versorgung von Menschen mit HIV sein kann und dass HIV gerade bei Frauen eben nur ein Teilbereich ist. Aber davon habe ich ja schon bei der letzten Kolumne gesprochen. Eine Ärztin aus dem Publikum formulierte aber auch deutlich, wie überfordert sie sich fühlt angesichts des zunehmenden Andrangs von Frauen mit HIV und der damit zusammenhängenden multiplen Versorgungsproblematik. Auch wenn vieles davon an die Aidshilfen abgegeben werden kann, bleibt für sie immer noch zu viel, was sie in ihrer Praxis nicht auffangen kann. Wir brauchen Verständnis füreinander, damit eine Zusammenarbeit auch funktionieren kann. Und auch hier brauchen wir wieder Menschen, die diese Zustände am liebsten in geballter Ladung an die Verantwortlichen melden, an die Verwaltungen, die Politik, die Versorgungslücken im System aufzeigen. Mir scheint es sehr wichtig, das Problem auf eine höhere Ebene zu tragen, denn hier entzieht sich die Politik ihrer Verantwortung!

Es gab noch so Vieles, worüber ich berichten könnte, schließlich waren es ja auch vier geballte Tage. Vielleicht komme ich anderer Stelle nochmal darauf zurück. Wichtig finde ich aber noch zu erwähnen, dass ich den Kongress für die Vernetzungen super nützlich fand. Die Inhalte waren wichtig, aber das, was zwischendurch passierte, das war mindestens genauso wichtig. Und hat mich total geschafft. In jeder Minute präsent sein, Kontakte knüpfen, sprechen und schauen und lächeln und ernsthaft diskutieren und begrüßen und auch mal was essen…. Das hat mich geschafft, so dass ich die Bootsfahrt – die toll gewesen sein muss – nicht mehr mitmachen konnte. Leider.

Frauen sind anders ...?! HIV-KONTROVERS 2015 in Düsseldorf

Im Februar besuchte ich HIV-Kontrovers in Düsseldorf. Ich freute mich sehr, dort neben zahlreichen anderen Gästen auch auf eine Vielzahl von Fachärztinnen und -ärzten aus den Bereichen der Gynäkologie und auch der Pädiatrie zu treffen. Das sowie die Kontroverse Nr. 5 "Frauen sind anders! Oder was soll das ganze Gedöns mit den Frauen?" (der Titel sollte provozieren, oder?) zeigte mir, dass auf dieser Fachtagung auch die Frauen mit ihren Belangen wahr- und ernstgenommen werden. Denn wir wissen ja: Frauen SIND anders, bei den meisten Frauen hat HIV eine sehr umfangreiche Bedeutung. Frauen beziehen ihre Familien mit ein, machen sich Gedanken darüber, was es bedeuten kann, wenn eine HIV-Infektion der Mutter im Kindergarten oder in der Schule des Kindes bekannt wird. Wie gehen die Kinder mit der Erkrankung der Mutter um? Wie geht die Umwelt mit den Kindern um? Diese und weitere psychosoziale Faktoren müssen mit einbezogen werden, hier bedarf es dringend der Betreuungsangebote, die auch die Familie und insbesondere die Kinder mit einbeziehen.

Was habe ich noch von diesem Tag für die Frauen mitnehmen können? Weltweit machen Frauen die Hälfte aller Menschen mit HIV aus. Das wird immer wieder vergessen. Wo sind die Frauen in den großen Studien zur Einführung neuer HIV-Medikamente und Entwicklung neuer Therapiestrategien? Wie werden genderspezifische Unterschiede berücksichtigt? Auch hier muss sich dringend etwas ändern! Hier muss erheblich besser auf die Frauen eingegangen und mit den Frauen zusammengearbeitet werden.

Auf der anderen Seite wurde aber auch betont, dass es nicht nur Frau-Mann-Unterschiede gibt. Es gibt Mensch-Mensch-Unterschiede. Individuen brauchen individuelle Therapien, die auf sie speziell zugeschnitten sind.

Einmal mehr bestätigt fand ich meine Erfahrungen die Therapietreue betreffend. Denn auch die Daten zeigen, dass Frauen im Vergleich zu den Männern ihre Therapie weniger konsequent verfolgen. Das mag einerseits daran liegen, dass viele Frauen an vielen verschiedenen Stellen gleichzeitig agieren und sich selbst gern vernachlässigen. Andererseits – und das entspricht meiner Erfahrung aus der Beratung – könnte es auch daran liegen, dass Frauen mehr Nebenwirkungen erfahren und daher ihre Medikamente oft selbst absetzen.

Was mir derzeit jedoch besonders Sorgen macht und sich in der Tagung ebenfalls bestätigt hat: Obwohl die Frauen grundsätzlich gut an das deutsche Gesundheitssystem angebunden sind, wurde bei immer mehr Frauen die HIV-Infektion erst in einem sehr späten Stadium diagnostiziert. Das ist erschreckend. Der Hauptanteil der Latepresenter geht auf das Konto von heterosexuellen Menschen und dort zu einem größeren Teil auf das Konto der Frauen. Frauen mit Migrationshintergrund bzw. Frauen aus Hochprävalenzländern stellen einen Großteil derjenigen, die erst von ihrer HIV-Infektion erfahren, wenn diese schon fortgeschritten ist.

Auch hier muss sich etwas ändern, Beratungs- und ärztliches Personal – besonders meine ich hier das Personal in der hausärztlichen Versorgung - müssen sensibilisiert werden, damit die Frauen frühzeitig ihre Diagnose erhalten können und so auch frühzeitig von einer HIV-Therapie profitieren können.

Termine

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Frauen und HIV Info

Auf der Internetseite frauenundhiv.info der Deutschen AIDS-Hilfe finden Sie weitere Informationen zum Thema Frauen, HIV und Aids.

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