Ohne Ehrenamtliche geht´s nicht!

Das Engagement ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist in kleinenn wie auch in den größeren Aidshilfen mit mehreren Angestellten einen unverzichtbarer Teil der Arbeit. Allein in den 31 Aidshilfen, die durch das Land NRW und die jeweiligen Kommunen anteilig gefördert werden, arbeiten neben den über 200 Angestellten über 1.600  ehrenamtlich Engagierte, die sich im Jahresdurchschnitt etwa 100.000 Stunden für unsere Arbeit eingesetzt haben.

Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind als Vorstände tätig, setzen kreative Präventionsaktionen um, sie bieten Information und Beratung, sie informieren Interessierte an Infoständen und sie begleiten Menschen mit HIV. Sie ermöglichen Gespräche mit Menschen, die Unterstützung suchen, auf gleicher Augenhöhe - jenseits des klassischen Machtverhältnisses von "Beratern" und "Klienten". Gleichzeitig sind sie Beispiel, wie ein vorurteilsfreier Umgang mit HIV/Aids gelebt werden kann, und wirken so auch in die Gesellschaft.

Ehrenamtliche Frauen engagieren sich in verschiedenen Aidshilfen speziell im Bereich von XXelle. Hierzu Beispiele:

XXelle und Ehrenamt – Die Frauensprechstunde in der Uniklinik Münster

"Wenn die Frauen nicht zu uns kommen, gehen wir zu ihnen", beschloss Annette Ritter, seit 1988 hauptamtliche Mitarbeiterin der Aids-Hilfe Münster (AHMS) bereits 1999. Sie wusste aus ihren Kontakten zu den wenigen HIV-positiven Frauen, die sich in die Aidshilfe wagten, dass diese sehr wohl einen Beratungsbedarf hatten, der über medizinische Fragestellungen weit hinausging. So wandte sie sich an Dr. Doris Reichelt, die schon damals die Ambulanz für erworbene Immunschwäche des Uniklinikums leitete. Mit der Idee, Patientinnen der „HIV-Ambulanz“ in den Räumen des Klinikums externe Beratung anzubieten, rannte Annette bei der engagierten Medizinerin offene Türen ein. Dr. Reichelt schlug vor, von nun an ihre Patientinnen auf die Möglichkeit hinzuweisen, zum ärztlichen Untersuchungstermin eine Beraterin der Aids-Hilfe hinzuzuziehen. Dies war die Geburtsstunde der Aids-Hilfe-Frauensprechstunde am Uniklinikum.

Das Angebot existiert nun schon seit 17 Jahren und ist in diesem Zeitraum gleichmäßig gut genutzt worden. Jährlich sind ca. 80 Frauen mit HIV in die Sprechstunde eingebunden. Sie wohnen im Einzugsgebiet der Uniklinik, viele in den Kreisen Coesfeld, Warendorf, Steinfurt und Borken, nur ein kleiner Teil in Münster selbst. Ihre Themen haben sich kaum verändert: Immer noch geht es um Schuldgefühle, Scham, Versteckspiel und Isolation. Angst, vom Partner verlassen zu werden oder keinen Partner mehr zu finden. Angst, keine Kinder bekommen zu können oder das Kind bei der Geburt anzustecken.

Von Anfang an wurde die Frauensprechstunde besonders von Frauen mit Migrationshintergrund genutzt. Bei ihnen stehen häufig finanzielle Schwierigkeiten im Vordergrund. Die AHMS kann da oft helfen, etwa bei der Durchsetzung von Ansprüchen gegenüber Sozialämtern und Jobzentren, durch Antragstellungen bei unterschiedlichen Stiftungen oder, wenn es einmal ganz schnell gehen muss, durch eine kleine Zuwendung aus dem hauseigenen Notfallfonds.Eine seit Jahresende 2015 wachsende, wenngleich nicht gänzlich neue Herausforderung sind geflüchtete Frauen. Zwar gibt es noch kaum Patientinnen aus dem arabischen Kulturraum, doch es kommen deutlich mehr Frauen aus Ländern wie Eritrea, Nigeria und Ghana – letztere oft Analphabetinnen. Oberstes Gebot für die Mitarbeiterinnen der Frauensprechstunde ist, solche Klientinnen unter keinen Umständen zu „verlieren“. Denn in der Regel sind sie in zentralen Unterkünften des Landes untergebracht und warten dort auf ihre Anhörung oder die Zuweisung eines längerfristigen Wohnorts (Transfer). "Wir ermutigen die Frauen, uns auf alle Fälle zu benachrichtigen, wenn sie Post vom Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge erhalten. Auch wenn sie dann schon gar nicht mehr Patientinnen des Universitätsklinikums Münster sind", berichtet Annette. "Denn dann steht meist eine Abschiebung bevor, die es, gerade bei der drohenden weiteren Verschärfung des Asylrechts, abzuwenden gilt."

Annette selbst führt meist Erstgespräche und ist zuständig für Organisation und Koordination, vor allem für die regelmäßige Absprache mit den drei Ärztinnen der Ambulanz. Den Hauptteil der Projektarbeit leisten jedoch Ehrenamtliche. Derzeit sind sieben ehrenamtliche Mitarbeiterinnen im Einsatz. Alle haben eine pädagogische oder sozialarbeiterische Ausbildung. Alle sprechen Englisch, drei gut Französisch, eine Russisch, eine Ghanaisch und eine Arabisch. Jede der sieben Mitarbeiterinnen geht mindestens einmal monatlich in die Universitätsklinik Münster (UKM). Zusätzlich leisten die meisten noch engagiertes „Casework“ außerhalb des UKM: Haben "ihre" Klientinnen Anliegen, bei deren Umsetzung sie Hilfe benötigen, sind sie als Fallarbeiterinnen zur Stelle. An dieser Stelle sei ihnen allen sehr herzlich gedankt!

Eine "Frauensprechstunde live": Ein Montagmorgen im UKM, Ebene 07 Ost. Annette und Meike, ehemalige Jahrespraktikantin und nun Ehrenamtliche, warten auf dem Flur vor den drei Sprechzimmern der HIV-Ambulanz. Aus einer der Türen tritt Doris Reichelt, gefolgt von einer jungen Schwarzafrikanerin. Nigerianerin, wie Meike und Annette erfahren, frisch HIV-diagnostiziert und in der 36. Woche schwanger. "Ich habe versucht, Frau G. zu erklären, wer ihr seid", sagt Doris Reichelt und schließt das momentan freie Sprechzimmer einer Kollegin auf. "Sie möchte mit euch sprechen." In dem Raum ist die vollständige Großfamilie der "Aids-Teddys" aufgebaut, was dem Sprechzimmer einen fast wohnlichen Charakter verleiht. Annette erklärt, wofür die Teddys stehen und was Sinn und Zweck der "NGO" Aids-Hilfe ist. Dass sie gelegentlich für finanzielle Unterstützung sorgen kann, z. B. durch Beantragung von Kosten für Babymilch in den ersten sechs Lebensmonaten des Neugeborenen. Frau G. nickt und lächelt höflich, noch ist das Eis nicht gebrochen. Trotzdem zieht Annette sich zurück und überlässt ihrer ehrenamtlichen Kollegin das Terrain. Meike hat das notwendige Fachwissen rund ums Thema Frau und HIV. Und, was in der Arbeit mit geflüchteten Frauen mindestens ebenso wichtig ist, sie versteht nonverbale Signale, ist taktvoll und vorsichtig und strahlt viel Wärme aus. Die Frauen spüren, dass Meike auf ihrer Seite ist, auch wenn die sprachliche Verständigung noch zu wünschen übrig lässt. Meike ist es, die im Kontakt zu ihrer neuen Klientin die "Beziehungsarbeit" leisten wird, die jetzt gleich die Patientin hinunter zur Schwangerschaftssprechstunde begleiten und sie in etwa einem Monat mit einer Glückwunschkarte und einem kleinen Geschenk fürs Baby am Wochenbett besuchen wird. Spätestens am Wochenbett, so die Erfahrung, wird die junge Frau auftauen. Sie wird Meike irgendwann erzählen, dass sie einige Zeit in Gewalt von Mitgliedern der Terrorgruppe Boko Haram war und dass der noch in Italien lebende Ehemann ihr die HIV-Infektion vorwirft. Sie selbst hat Angst, wegen der Infektion abgeschoben zu werden. Meike wird ihr erklären, dass dem nicht so sein wird, dass sie im Gegenteil mit der behandlungsbedürftigen Infektion eine kleine weitere Chance hat, in Deutschland bleiben zu können.

"Mir gefällt an der Frauensprechstunde, dass sie Raum lässt für mehr als das vordergründige Anliegen", sagt Meike. "Die Sprechstunden sind dreistündige Einheiten, in deren Rahmen vieles möglich ist: nach dem Arzttermin noch einen Kaffee trinken, dabei vielleicht den Weiterbewilligungsantrag fürs Arbeitslosengeld II ausfüllen helfen, über dieses und jenes reden. Zwar selten als erstes, aber im Laufe der Zeit immer auch über die vielen Aspekte eines Lebens als positive Frau."

XXelle in Bochum – Ein Ehrenamt im Team

Bochum gehört mit seinen 365.000 Einwohnern zu den 20 größten Städten Deutschlands und den sechs größten Nordrhein-Westfalens. Von diesen 365.000 Menschen engagieren sich derzeit neun Frauen ehrenamtlich im XXelle-Team der Aidshilfe Bochum. Die frauenspezifische Arbeit in der Aidshilfe Bochum findet unter der Marke XXelle statt.

Die angesprochenen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen, die sich bereits seit Jahren gemeinsam einsetzen, sind zwischen 19 und 30 Jahren alt. Sie studieren, sind in der Ausbildung oder bereits im Berufsalltag. Und trotzdem sind sie immer wieder bereit, mit anzupacken, wenn sie bei der Aidshilfe Bochum und besonders im Einsatz für und mit HIV-positiven Frauen gebraucht werden. Es ist ein Team, das zusammengewachsen ist, auch wenn ab und zu jemand wechselt. Das sich die Aufgaben teilt und auch mal fragt, wie es denn der anderen so geht. 

Die hauptamtliche Koordinatorin der frauenspezifischen Arbeit in der Aidshilfe Bochum ist Indra Mechnich. Sie hat mit ihrer persönlich-verbindlichen und offenen Art, Menschen in Empfang nehmen und sie zu einem Teil des Ganzen machen zu können, eine Kultur des Miteinanders im XXelle-Ehrenamtlichen-Team gefördert und etabliert. Indra sorgt dafür, dass die Frauen auch in Zeiten, wo sie sich weniger engagieren können, stets mit im Boot sind. Sie hält die Verbindung, bietet Ehrenamtsstammtische an und informiert über Aktuelles rund um die Aidshilfe und XXelle. Regelmäßig schickt sie ihnen die XXelle newsletter zu. Ihr ist es wichtig, dass die ehrenamtlich tätigen Menschen der Aidshilfe Bochum auch etwas für sich mitnehmen können aus ihrer Tätigkeit etwas lernen, was sie weiterbringt. Jetzt bieten die Aidshilfen Essen, Duisburg und Bochum erstmals eine Grundlagenausbildung für EhrenamtlerInnen an, was sich in den nächsten Jahren wohl wiederholen soll. Es gibt dabei selten eine explizit frauenspezifische Schulung, hat sich aber etabliert, dass frauenaffine Inhalte darin einbezogen werden. Dazu informiert Indra das XXelle-Team stets gesondert über aktuelle Themen aus diesem Bereich.

Und wenn es dann so weit ist und die Frauen gebraucht werden, sind sie meist sofort zur Stelle. So wie jedes Jahr beim Internationalen Frauentag im März. Hier treffen sich in Bochum alle Bochumer Frauenvereine und –verbände, politische Parteien, Beratungsstellen oder auch Mädchensportverbände mit ihren Ständen in der Bochumer Innenstadt und präsentieren sich. Für die XXelle-Frauen ist das ein Jahres-Highlight. Sie brennen darauf, wieder dabei zu sein. 

Im November des Vorjahres lädt die Gleichstellungsstelle in einem Rundbrief bereits zu einem ersten Meeting ein, wo beispielsweise das Jahresmotto oder Stände und Zeiten besprochen wird. In Bochum wird der Tag verlängert zu den "Bochumer Frauenwochen". Schon zu diesem Zeitpunkt lädt Indra die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen ein, sie zu begleiten. Steht das Motto fest, treffen sich die XXelle-Frauen zu einem ersten Brainstorming. Es wird besprochen, welche Aktion zu dem Motto passt und was wer wann beitragen kann und will. 

2015 lautete das Motto des Internationalen Frauentags "Frauen auf dem Weg" – was das XXelle-Team zu einem Walking Act inspirierte. Zur Vorbereitung trafen sich einige Ehrenamtliche, um die zu verteilenden Kondome mit einem XXelle-Logo zu bekleben und die Taschen vorzubereiten. Zusammen mit dem Aidshilfe-Bochum-eigenen Kondomkostüm "Konrad", den XXelle-Taschen voller XXelle-Kondome und XXelle Gummibärchen machten sie sich dann am 8. März in Kleingruppen auf den Weg in die Innenstadt. Stets ist es so, dass sich automatisch die Schüchternen mit den Forscheren zusammenfinden. So kann jede auf ihre Art mit den Menschen in Kontakt treten und dafür sorgen, dass unter der Flagge von XXelle Themen wie Sexualität und HIV im weiblichen Kontext nach draußen getragen werden und in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit finden. Manche gehen aktiv und direkt ausschließlich auf Frauen zu und sind sehr daran orientiert, gerade diesen nahezulegen, dass Verhütung oder sexuell übertragbare Krankheiten alle etwas angeht und jede(r) ihren/seinen Beitrag zur sexuellen Gesundheit leisten kann. Andere wiederum sind schüchtern und halten sich eher im Hintergrund, sind für Fragen da, lassen die Menschen auf sich zukommen und verteilen die Give aways.

In der Regel wird schon im Vorfeld ein Zeitpunkt besprochen, wo sie sich alle zusammenfinden, etwas Warmes trinken, ihre Erfahrungen austauschen und den Tag gemeinsam ausklingen lassen.

So ungefähr kann man sich eine Aktion als Frau im XXelle-Team in Bochum vorstellen. Natürlich gibt es noch zahlreiche andere Möglichkeiten, sich zu engagieren, sei es bei der administrativen Arbeit in den sozialen Medien, bei der Organisation von Vernetzungstreffen oder bei der Kinderbetreuung. Oder ganz individuell im Rahmen von Sprachkursen oder Besuchskontakten oder Begleitungen einzelner Frauen zu Behörden oder Arztterminen.

Und weil es den meisten viel Spaß bereitet, sich für Frauenthemen zu engagieren und/oder ein Teil eines Teams zu sein, bringen einige Ehrenamtliche auch immer mal wieder Freundinnen oder Verwandte mit, die dabei sein wollen. Oder es sind ehemalige Praktikantinnen, die gerne weiter angebunden sein möchten und sich ehrenamtlich unter der Marke XXelle für die Aidshilfe engagieren.

Termine

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Frauen und HIV Info

Auf der Internetseite frauenundhiv.info der Deutschen AIDS-Hilfe finden Sie weitere Informationen zum Thema Frauen, HIV und Aids.

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