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Frauen & Aids

Infopool - Frauen & Aids in NRW
Hier finden Sie ein umfangreiches Informationsportal zum Thema Frauen und Aids in NRW. Die Datenbank enthält die Adressen der Aidshilfen Ihrer Region aber auch anderer Beratungsstellen rund um das Thema HIV und Aids. » mehr
Woran erkennen Sie bei einer Frau, dass sie HIV-infiziert ist? - So lautet der Titel des aktuellen XXelle-Kurzfilms. Dieser hatte seine Premiere auf der Fachtagung Zukunft POSITIV gestalten! - Frauen und Aids im Jahr 2008 » Clip ansehen

Die Frauenberaterin Annette Ritter berichtet

Annette Ritter ist Frauenberaterin der Aids-Hilfe Münster. Ab dem Internationalen Frauentag wird sie uns einmal im Monat einen Einblick in ihren Arbeitsalltag geben. Als sie gefragt wurde, ob sie sich vorstellen kann, auf der XXelle-Homepage regelmäßig über ihre Arbeit zu berichten, hat sie nicht lange gezögert und ihre Bereitschaft signalisiert.
Annette Ritter arbeitet seit über zwanzig Jahren für die Aids-Hilfe in Münster. Sie ist dort zuständig für Psychosoziale Beratung und Begleitung, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf Frauenarbeit. So ist sie auch für die lokale Öffentlichkeitsarbeit im Frauenbereich der münsterschen Aids-Hilfe verantwortlich. Darüber hinaus organisiert sie im Rahmen des Welt-Aids-Tags das jährliche Benefizkonzert für ihre Einrichtung. Seit vielen Jahren ist sie Mitglied der Landesarbeitsgemeinschaft Frauen und Aids. Die XXelle-Arbeit in Nordrhein-Westfalen hat sie mit aufgebaut.

Annette Ritter ist 58 Jahre alt. Sie lebt mir ihrem Mann im Westfälischen und hat zwei erwachsene Söhne.

 

September 2010 - Entspannung
Ich habe in den vergangenen beiden Monaten über Beate berichtet. Ihre Situation hat sich jetzt etwas entspannt, denn sie konnte in eine Kurzzeitpflegeeinrichtung aufgenommen werden. Wie es danach weitergeht, müssen wir sehen. Es freut mich, dass die Zusammenarbeit zwischen Krankenhaus, Aidshilfe und Sozialamt so gut funktioniert und wir eine Lösung für Beate gefunden haben. Das Sozialamt hat z.B. sehr schnell und unbürokratisch entschieden und die Kosten für die Einrichtung der Kurzzeitpflege als Vorleistung übernommen. Auf der Grundlage des Landespflegegesetzes ist es sehr viel einfacher, eine Kurzzeitpflege nach einem stationären Aufenthalt bewilligt zu bekommen. Nach Abschluss der medizinischen Behandlung hat das Krankenhaus dann die Möglichkeit, eine Anschlussheilbehandlung in die Wege zu leiten, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt sind. Z.B. müsste Beate für die Anschlussheilbehandlung „auf Stationsebene beweglich sein“, also unter anderem nicht mehr auf einen Rollstuhl angewiesen sein, was momentan noch der Fall ist.

Ich stelle immer wieder fest, dass sich auch komplexe Probleme lösen lassen, wenn man zusammenarbeitet und ein gutes Netzwerk hat. Ich bemerke auch, dass ich als Vertreterin der Aidshilfe in Münster mittlerweile großes Vertrauen genieße. Dies hilft mir, die Interessen der Klientinnen zu vertreten und viele Entscheidungen günstig zu beeinflussen…

August 2010 - Versorgungslücke
Ich habe im Juli über Beate berichtet, die ganz dringend intensivere Unterstützung haben müsste. Ich möchte auch heute über ihre Situation berichten, die mich natürlich weiterhin beschäftigt.
Im letzten Bericht habe ich schon festgestellt, dass in einer Lage wie der von Beate eine ambulante Versorgung hinten und vorne nicht ausreicht. Da macht es kaum einen Unterschied, ob der Pflegedienst drei oder fünfmal am Tag kommt oder ob ich eine ehrenamtliche Betreuerin mehr oder weniger einsetze. Jeder, der die Patientin nach einem Besuch wieder alleine zurücklassen muss, fühlt sich mies, und vor allem die Patientin selbst hat bei aller Fürsorge immer das Gefühl, in ihrer Angst und Bedürftigkeit letzen Endes im Stich gelassen zu werden. Jemand wie Beate müsste dringend in eine stationäre Kurzzeitpflegeeinrichtung. Da ist aber „von außen“ kaum dranzukommen. Vom Krankenhaus aus ist es eher möglich.
Daher ist eines meiner Hauptziele in der Beratung und Begleitung, ein breit gefächertes Unterstützungssystem aufzubauen, von denen meine Klientinnen in den unterschiedlichsten Situationen profitieren können. Wo es nötig ist, mache ich zunächst Hausbesuche, um mir vor Ort einen Überblick über die jeweilige Situation zu verschaffen, die notwendigen Hilfen mit den Frauen zu besprechen und die entsprechenden Hilfen in Gang zu bringen. In Beates Fall habe ich mit dem Hausarzt gesprochen, der jetzt dafür sorgen will, dass sie für ihre nächsten beiden Chemos stationär aufgenommen wird. Zu meinem Netzwerk gehört auch der Sozialdienst der Uniklinik. Schon jetzt, also noch vor der Aufnahme, habe ich die für Beates Station zuständige Sozialarbeiterin angerufen. Die hat versprochen, Beate gleich nach ihrem Eintreffen zu besuchen. Die Kollegin sieht gute Chancen, dass ein durch sie als Krankenhaus-Sozialarbeiterin gestellter Antrag auf stationäre Kurzzeitpflege bewilligt wird. Hoffen wir das Beste, denn dann wäre Beate zwischen ihren beiden letzten Chemos gut versorgt. Und auch nach Abschluss der Chemotherapie könnte sie sich in einer Pflegeeinrichtung erholen.

P.S. Es fällt mir in solchen Momenten immer wieder auf, wie wichtig es ist, sich in viele Richtungen zu vernetzen, wenn es darum geht, ein Hilfesystem aufzubauen...

Juli 2010 *Beate
Es fällt mir im Moment fast schwer, mich um meinen Blog hier auf dieser Homepage zu kümmern, Denn wenn, wie gerade jetzt, eine Klientin aufgrund einer akuten Erkrankung einen großen Hilfebedarf hat, wird es an verschiedenen Stellen zeitlich sehr eng.

Zur  Zeit begleite ich eine Klientin, bei der vor einiger Zeit eine Krebserkrankung festgestellt wurde. Sie ist schon seit vielen Jahren HIV-positiv, aber ihr Gesundheitszustand war bisher stabil. Trotz einiger Stolpersteine in ihrem Leben - sie hat eine leichte körperliche Beeinträchtigung und eine Epilepsie - kam sie immer sehr gut mit ihrem Leben zurecht. Beate* ist ein sehr aufgeweckter und fröhlicher Mensch, im Grunde eine ausgesprochene Powerfrau. Aber zu Jahresbeginn erkrankte sie an einem Non-Hodgkin-Lymphom. Das Non-Hodgkin-Lymphom ist eine Erkrankung, die eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen befällt und umgangssprachlich als Lymphdrüsenkrebs bezeichnet wird. Das Lymphom wird bei ihr chemotherapeutisch behandelt. Die ersten drei Behandlungen hat sie einigermaßen gut verkraftet, und sie war sehr tapfer. Doch jetzt, seit der vierten Infusion, ist sie wirklich knocked out. Die Chemo kann gravierenden Einfluss auf die blutbildende Funktion des Knochenmarks haben.  Z.B. kann die Zahl der roten Blutkörperchen, die den Sauerstoff transportieren, abnehmen. Beate ist durch ihre Anämie völlig erschöpft und kraftlos. Bei meinem letzten Anruf schaffte sie es so gerade, eine halbe Minute zu telefonieren, besser gesagt, ins Telefon zu hauchen. Ihre Situation zuhause ist alles andere als gut. Sie lebt alleine, und durch die körperliche Schwäche und ihr Handikap ist sie ständig in Gefahr, zu fallen und sich zu verletzen. Sie geht zwar alleine zur Toilette, hat aber große Schwierigkeiten, wieder hochzukommen. So z.B. gestern, als ich zum Hausbesuch bei ihr war. Ich hörte sie schon auf der Straße laut weinen, weil sie es nicht schaffte, von der Toilette zu kommen. Ich konnte ihr dann helfen, aber ich habe dafür einige Zeit und Kraft gebraucht, denn ich bin ja keine Pflegefachkraft. Glücklicherweise hat das Sozialamt jetzt die Kosten einer Grundpflege bewilligt, und Beate wird dreimal täglich von einem Pflegedienst besucht. Besser als nichts, aber letztlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.
(* Namen der Klientin geändert)

Juni 2010
Beim Blättern auf dieser Homepage ist mir noch einmal der XXelle-Newsletter zum Internationalen Frauentag begegnet. In der März-Ausgabe hatte ich gemeinsam mit meiner Kollegin Natalie Rudi aus Oberhausen folgendes Problem beschrieben: Viele Klientinnen spüren im Alltag oft eine unsichtbare Mauer, die sie daran hindert, über ihre Infektion zu sprechen. Ich erwähne das hier, weil ich erst letzte Woche wieder mit einer Klientin Kontakt hatte, von der diese „Gesprächsbarriere“ im Alltag thematisiert wurde. Die Klientin, von der ich spreche, ist eine deutsche Frau. Sie hat Familie und ist berufstätig. Ich nenne Frauen wie sie „die deutsche Frau von Nebenan“. Es sind Frauen, denen es wirtschaftlich ganz gut geht und die über ein stabiles soziales Netzwerk verfügen. Sie sagen oft, und so eben auch die Klientin von letzter Woche, dass sie ihre HIV-Infektion gar nicht verheimlichen müssen, dass Familie und Freunde eingeweiht sind. Also auf den ersten Blick alles in Butter, scheinbar eine Normalisierung von Aids. Doch die junge Frau erzählte auch von ihrer Schwester, die ihr bei jedem Treffen sagt, wie gut sie doch aussieht, was für ein Segen es ist, dass man Aids jetzt behandeln kann. „Ich spüre aber, dass sie immer schnell wieder weg will von dem Thema“, so meine Klientin, „dass sie gar nicht wissen will, wie es mir wirklich geht damit. Da ich ja Pillen nehme und nicht krank bin, ist das Thema Aids für sie erledigt. Letztlich will sie mit meiner HIV-Infektion nicht behelligt werden.“

Doch auch wenn es den hier beschriebenen Klientinnen gesundheitlich und wirtschaftlich gut geht, erleben sie Phasen, in denen die Nebenwirkungen der Medikamente Beschwerden bereiten. Es gibt Zeiten, in denen sich Ängste bemerkbar machen oder Wut aufsteigt, z.B. die Wut, von einem Mann angesteckt worden zu sein. Natürlich haben die Frauen die Möglichkeit, zu mir in die Sprechstunde zu kommen. Das ersetzt aber nicht die entlastende Funktion der Gespräche mit Freunden und Familie im ganz normalen Alltag. Es geht dabei nicht immer um das große ausführliche Gespräch. Es geht eher um eine Atmosphäre, die es zulässt, HIV im Alltag zum Thema machen zu können. Eine Atmosphäre, in der man auch vermeintlich negative Gefühle äußern und mal Dampf ablassen kann. Das halte ich für sehr gesundheitsfördernd – und sicherlich nicht nur im Kontext von HIV und Aids.

Mai 2010 - Worum es geht
Wenn ich die Frauenarbeit von damals und heute vergleiche, möchte ich fast von einer Explosion sprechen. In den 80igern war eine Frau, die in die Aidshilfe kam, eine aussgesprochene Exotin. Das ist heute deutlich anders, und viele Frauen nehmen unser Angebot in Anspruch. Die Fragen, die an mich gestellt werden, haben viel mit Absicherung des Lebensunterhalts zu tun. Unsere Klientinnen haben meist nur ganz wenig Geld zur Verfügung. So überprüfe ich zunächst, ob alle in Frage kommenden Anträge auf staatliche Unterstützung gestellt sind: Gibt es z.B. einen Anspruch auf Wohngeld, auf Geldleistungen zur Erziehung minderjähriger Kinder oder ähnliches. Wenn bestimmte Anträge nicht gestellt sind, helfe ich beim Ausfüllen der Formulare. Anträge auf HIV-spezifische Leistungen wie zum Beispiel eine vitamin- und eiweißreiche Ernährung stelle ich selbst. Ich erlebe, dass unsere Klientinnen durch die ständige Geldnot sehr belastet sind. Wenn es gelingt, ihre finanzielle Situation ein wenig zu verbessern, wenn sie wissen, wie sie Essen, Kleidung und Wohnung bezahlen können, zeigt sich oft, dass sie noch ganz andere Sorgen mit sich herumtragen: Sie fühlen sich einsam.  Aus Angst vor Ausgrenzung halten sie ihre HIV-Infektion streng geheim. Gleichzeitig fürchten sie  immer, jemand könne davon erfahren. Ihr Lebensgefühl ist beeinträchtigt, vertrauensvolle soziale Kontakte sind beinahe unmöglich. Im Gespräch mit mir schwingt das Thema Aids immer mit. Aber bei all dem Regelungsbedarf,  Anträge stellen, mit Behörden und Stiftungen telefonieren, Unterlagen besorgen und vieles mehr, fehlt mir oft die Zeit, auf ihre aidsbedingten Ängste und Nöte wirklich einzugehen.

Und hier komme ich wieder auf das Ehrenamt zurück. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen sind eine unschätzbare Hilfe, und sicherlich nicht nur in Münster! Schwerpunkt ihrer Arbeit ist nicht sozialrechtliche Beratung. Sie sind vielmehr „Zeithaberinnen“ und Gesprächspartnerinnen und haben ein offenes Ohr für die vielen Ängste und Sorgen, die die Krankheit Aids mit sich bringt  und die oft durch die materiellen Sorgen der betroffenen Frauen völlig überdeckt werden. 

April 2010 - Frauenarbeit  in Münster
Die Frauenarbeit in Münster hat sich erst nach und nach entwickelt. Auch in Münster haben wir die Erfahrung gemacht, dass HIV-positive Frauen keine Bezugsgruppe hatten, wie z.B. die schwulen Männer andere Positive in der Schwulen-Community. Viele Aids-Hilfen sind aus der Gay Community entstanden. Daher haben sich Frauen von "Aids-Hilfe" zunächst einmal nicht angesprochen gefühlt mit der Folge, dass sie dort auch nicht erschienen, um sich beraten und unterstützen zu lassen.

In Münster dachten wir dann, wenn die Frauen nicht zu uns kommen, müssen wir zu den Frauen gehen. Weil die meisten Frauen medizinisch betreut werden, haben wir Kontakt zur HIV-Ambulanz der Uniklinik Münster sowie zu münsterschen HIV-Schwerpunktpraxen aufgenommen. Seitdem stellen die Ärzte in den Behandlungszentren, ob niedergelassen oder in der Klinik, ihren Patientinnen unser Angebot vor. Wenn eine Frau dies wünscht, lädt der Arzt zu ihrem nächsten Praxis- oder Ambulanztermin eine Aids-Hilfe-Mitarbeiterin mit ein. In der Regel nehmen etwa 50 Prozent der HIV-positiven Patientinnen das Angebot wahr. Im letzten Jahr nahmen rund 60 Frauen im Rahmen der Frauensprechstunde Kontakt zu uns auf. In der Uniklinik gibt es unsere Sprechstunde seit 1999, und sie wird gut angenommen. Allerdings wäre diese Arbeit ohne Honorarkräfte und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen nicht zu leisten. Eine gute Gelegenheit, um den vielen Unterstützerinnen der Frauenarbeit ein großes Dankeschön auszusprechen! 

März 2010 - Wie ich zur Frauenarbeit kam
Ich arbeite in der Tat schon sehr lange für die Aids-Hilfe Münster. In einer immer schnell-lebigeren Zeit mag es fast seltsam anmuten, zwanzig Jahre lang in einer westfälischen Stadt und für denselben Arbeitgeber zu arbeiten. Natürlich, wie auf jeder Arbeitsstelle, gilt es auch hier gelegentlich, Schwierigkeiten zu überwinden. Aber grundsätzlich tue ich das, was ich tue, nach wie vor sehr gerne. Warum das so ist, liegt mit daran, dass ich bei meiner Arbeit noch nie Langeweile verspürt habe. Ich habe innerhalb der Aids-Hilfe in sehr unterschiedlichen Feldern gearbeitet. Es gab immer Veränderungen und Entwicklungen. Zu Beginn nahm z.B. Sterbebegleitung einen großen Raum ein. Aber dank der verbesserten medizinischen Therapien und der gestiegenen Lebenserwartung leisten wir heute ganz überwiegend Unterstützung im LEBEN mit der Infektion. So beraten wir unsere HIV-positiven Klientinnen unter anderem in Fragen von Sexualität, Partnerschaft und Kinderwunsch. Wir begleiten sie während einer Schwangerschaft und helfen ihnen bei Anträgen auf Kindergeld, Elterngeld und anderweitige Unterstützung. Ich lerne selbst immer wieder dazu, und so finde ich meine Tätigkeit für die Aids-Hilfe  auch heute noch anregend. Die Frage nach einem Wechsel in ein anderes berufliches Handlungsfeld hat sich für mich nie gestellt. Und ich freue mich darauf, hier einen kleinen Einblick in diese anregende Arbeit geben zu können…