XXelle Westfalen, Paderborn und der Bärlauch

Um es vorweg zu nehmen: Die AIDS-Hilfe Paderborn kann ebenso wie einige der anderen Aidshilfen im ländlichen Raum keine reine Frauengruppe anbieten. Außerhalb großer Städte und ihrer direkten Einzugsgebiete ist es einfach schwierig, genügend HIV-positive Frauen mit ähnlichen Interessen für regelmäßige Treffen zu finden bzw. dazu anzuregen. Aber: Die Tür der AIDS-Hilfe Paderborn steht immer und für jeden offen! Und es gibt auch hier Lösungen, mit denen alle gut leben können.

Zum einen gibt es einmal monatlich eine gemischte Gruppe in den Räumlichkeiten der Aidshilfe, die PositHIVen Gruppe, die jeweils von einer Mitarbeiterin begleitet wird. Das funktioniert wunderbar. Das Miteinander von Frauen und Männern ist eine ganz offene Angelegenheit, es gibt keine Ressentiments, man versteht sich und ist auch außerhalb der Treffen gut miteinander im Kontakt. Vier- bis fünfmal im Jahr finden Aktionen wie beispielsweise ein gemeinsames Paddeln statt. Auch das kollektive Überwinden einer kleinen Stromschnelle kann sehr verbindend wirken. Freitags veranstalten die Mitarbeiter*innen der Aidshilfe ein Frühstück, bei dem alle willkommen sind, ob positiv oder negativ, ob Haupt- oder Ehrenamtliche, alle dürfen so dabei sein wie sie sind.

Zum anderen gibt es die Vernetzung XXelle Westfalen. Ein Highlight aus dieser Vernetzung ist das Ariadne-Treffen, welches nun bereits seit 19 Jahren stattfindet. Anfangs fand es immer am selben Ort statt, inzwischen im Frühjahr immer in Paderborn und im Herbst in einer der in XXelle Westfalen zusammengeschlossenen Städte statt. Frauen mit HIV aus Soest, Paderborn und Hamm, Münster, Ahlen und Ahaus sowie weiteren Gebieten Westfalens treffen sich bei Ariadne, um die befreiende Erfahrung zu machen, dass sie eben nicht alleine sind mit ihrer HIV-Infektion und all dem, was diese mit sich bringt. Um Selbstverständlichkeiten erleben zu können im gegenseitigen Kontakt, um eben auch einmal nicht nur hinter vorgehaltener Hand über ihren gesundheitlichen Zustand, über Maßnahmen oder Umgangsweisen mit der eigenen Erkrankung sprechen zu können. Um Gemeinsamkeit und Leichtigkeit zu erleben. Zum Beispiel beim Bärlauchpflücken. In Paderborn gibt es nämlich ein riesiges Areal mit Bärlauch. Deswegen finden die Frühjahrstreffen auch immer dort statt. Das wurde von den Teilnehmerinnen so gewünscht. Nach dem gemeinsamen Frühstück geht es in den Wald Bärlauch ernten, der dann in der Küche der Aidshilfe gemeinsam verarbeitet wird.

Diese Treffen sind für die Vernetzung der Frauen untereinander sehr wichtig und förderlich, denn – so Lena Arndt von der AIDS-Hilfe Paderborn, „beim gemeinsamen Tun kann man unglaublich gut erzählen.“ Beim Ernten oder Waschen, Stampfen oder Kochen plaudern die Frauen miteinander beispielsweise über ihre Medikamente und ihre Erfahrungen damit, über Probleme mit der Fettverteilungsstörung oder auch über unangenehme Erlebnisse ihrer Kinder in der Schule. So kommen im Schnitt um die 15 Frauen zusammen, jung und älter, mit und ohne Migrationshintergrund. Schwierig scheint hier allein die Erreichbarkeit zu sein, denn die Infrastruktur ist – wie überall im ländlichen Gebiet – nicht allzu gut ausgebaut, so dass auch die Überwindung dieser Wege oft von Mitarbeiter*innen der Aidshilfen übernommen werden muss.

Die schlechte Erreichbarkeit durch mangelnde Abdeckung mit fachärztlichen Praxen gehört zu den größten Erschwernissen für Frauen mit HIV in Westfalen – wie auch schon im Kreis Unna. Denn es gibt auch im Kreis Paderborn nur einen HIV-Schwerpunktarzt mit Sitz in Alfen in der Gemeinde Borchen, circa 12 Kilometer von Paderborn entfernt. Man ahnt schon, dass die Fahrt dorthin mit öffentlichen Verkehrsmitteln eine Tagesreise bedeuten kann. Noch dazu ist dieser Schwerpunktarzt bereits 64 Jahre alt und hat große Probleme, eine*n Nachfolger*in für seine Praxis zu finden. Was, wenn auch dieser Facharzt in den Ruhestand geht? Prof. Dr. Behrens von der Medizinischen Hochschule Hannover formulierte bei der Fachtagung zum 30-jährigen Jubiläum der AIDS-Hilfe Paderborn einen entscheidenden Grund für diese vielerorts vorhandene Misere. Er sagte, mit HIV sei keine Karriere mehr zu machen…. Hier muss die Politik dringend Abhilfe schaffen!

Für die meisten anderen (Frauen-) Themen existieren gute Netzwerke, sei es zu Kinderärzt*innen oder zum Beispiel zum Verein gegen Gewalt gegen Frauen. Aber wohin soll sich eine HIV-positive Schwangere wenden? Auch wenn die umliegenden gynäkologischen Praxen in der rein gynäkologischen Behandlung von Frauen mit HIV kein Problem sehen, so verfügen sie in der Regel nicht über ein fundiertes HIV-Wissen. Sie können beispielsweise mögliche Wechselwirkungen mit HIV-Medikamenten kaum einschätzen. In den lokalen Krankenhäusern kann man nach wie vor noch beobachten, dass sich manche Mitarbeiter*in dick vermummt und oft dem Kontakt mit einer HIV-positiven Frau etwas hilflos gegenüber steht. Sie wissen meist auch nicht, was es heißt, HIV-positiv zu sein und einen Kinderwunsch zu haben. Für eine reguläre Entbindung kann einer solchen Frau derzeit in Westfalen daher nur angeraten werden, sich an die Uniklinik Münster zu wenden.

Als präventive Maßnahme bietet die AIDS-Hilfe Paderborn seit nunmehr vier Jahren unter anderem die Durchführung eigener Tests für HIV, Hepatitis C und Syphilis an. Hierfür wird ein Kostenbeitrag erbeten, ist aber kein Muss. Die Tests finden monatlich jeden zweiten und vierten Dienstag jeweils von 18 bis 19 Uhr statt. Das Angebot wird von vielen wahrgenommen, die einen bunten Querschnitt aus der Bevölkerung abbilden, auch von einer großen Zahl junger Frauen. Sie stehen vor einer Beziehung und wollen ihren HIV-Status überprüfen. Oder sie befinden sich bereits in einer Beziehung und wollen Sex ohne Kondom erleben. Mit diesen Frauen versuchen die Aidshilfe-Mitarbeiter*innen währenddessen gezielte Frauenthemen anzusprechen. Dabei kommt auch schon mal raus, dass es sich beim ungeschützten Sex um einen nicht einvernehmlichen sexuellen Vorgang handelte, welcher nicht nur körperliche Folgen haben kann. Eine weiterführende psychosoziale Beratung – auch für den Umgang mit den Straftätern – ist für Lena Arndt daher in solchen Fällen ein selbstverständlicher Bestandteil. Und wenn sie einmal ratlos ist, wendet sie sich zuerst an ihre Kolleginnen aus der XXelle Westfalen-Vernetzung. Denn hier gibt es Antworten. Viele wissen mehr und niemand in dieser Runde ist sich zu schade, selbst bei Bedarf zu fragen und eigene Wissenslücken zuzugeben. Das scheint – so Lena – im sozialen Bereich eine Seltenheit zu sein. Niemand hält hier Fragen zurück, sei es aus dem medizinischen, dem sozialen oder dem rechtlichen Bereich. Hier kann alles gefragt werden, denn es geht darum, sich untereinander zu unterstützen im Bemühen, den Frauen mit HIV aus Westfalen das Leben etwas leichter zu machen.

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